Nebu und der Kaffee: Ein Leidensweg, der mit der Brewtus endet (Review)
Hallo zusammen,
da ich nun schon einige Zeit mit meiner frischen Brewtus (im Systermann-Umbau mit interner Rotationspumpe) am spielen bin wollte ich ein kleines Review ueber die Gute zusammenschreiben. Wenn ihr euch jetzt wundert was denn der Titel damit zu tun hat, ich wollte noch ein paar Worte dazu verlieren wie ich zur Brewtus gekommen bin, welche Erfahrungen mich zu der Entscheidung bewogen haben ;P.
Ersteinmal aber noch vorab: Es kann gut sein dass ich in eben diesem ersten Part des Reviews Mist verzapfe. Falls das denn so sein sollte, bitte bitte berichtigt mich! Ich werde das ganze so darstellen wie es sich mir aufgrund meiner "Experimente" zeigt.
==== Wie man zur Brewtus kommt ====
Nach meinem klaeglichen Anfang mit der Gaggia hatte ich lange lange Zeit ein dauer-restaurationsprojekt, eine Faema STAR, zweigruppig mit E81 Grueppchen. Diese perversen Dinger sind eine weiter- oder eher rueckentwicklung der E61 - es fehlt die Mechanische preinfusion, es fehlt ein anstaendiges Verteilungsschema (zentraler Auslass mit seeehr schlechter verteilerschraube/platte) und so weiter. Der Waermetauscher war auch schick, jedes HX Roehrchen hatte gute 500ml, was in Leerbezuegen jenseits der Schmerzgrenze geendet hat. Der Thermosyphon war von der Balance her mehr als chaotisch, die Flowrate konnte man nicht sinnvoll begrenzen und lag bei guten 150ml/10s, und so weiter...
Das Ding war eigentlich soweit ok. Die Temperatur hat man dank dem TS nie gescheit getroffen, aber grob gings. Man muss drecksgenau arbeiten und hatte trotzdem Channelling, aber die Ergebnisse waren grob ok...
Als ich dann immer oefter die Chance hatte meine Roestungen auf E61ern, sowohl Haushalt als auch einer fetten Gastro-E61 zu testen ist mir was aufgefallen. Irgendwas stimmte bei mir nicht. Selbst mit genau eingehaltenen Leerbezuegen (auf basis von mehrpunkt Temperaturmessungen and gruppen/kessel/hx), Spielerei am Druck, manueller Preinfusion etc. pp. ist einfach nix rausgekommen. Also wiedermal hin und her, viele Maschinen ausprobiert, viel getestet, mit Kumpels blindtests machen lassen und die E61 Patentschrift studiert. Dashier ist dabei (fuer mich) rausgekommen ist:
- Ich will E61, selbst im Vergleich mit der Vivaldi S1 hat das Ding mit seiner mechanischen Preinfusion anscheinend (geschmackliche) Vorteile
- E61 will Festwasser. Das Ding braucht damit seine federgeladene Preinfusion (45*-Stellung) gescheit geht schlagartig ~4Bar (ist das in Italien mehr als bei uns?) Leitungsdruck. Kessel/HX-Druck von Tankmaschinen kann das nicht liefern.
- Eine gescheite Preinfusion will eine Rotationspumpe, der Druck sollte nach der Preinfusionsphase (45*-Stellung) moeglichst schlagartig von den 4Bar auf den Zieldruck ansteigen. Wenn man hier Vibrationspumpen mit Rotationspumpen vergleicht schmeckt man das ziemlich ziemlich deutlich. Warum genau, weiss ich auch nicht. Aber es ist sogar im Blindtest zu erkennen.
- Ich will Dualboiler mit anstaendiger Regelung. Diese Spielerei mit Leerbezuegen bei HX ist nix gescheits. Damit kann man zwar auf wunderbaren italienischen Barespresso kommen. Wenn man richtig richtig Aufwand betreibt auch auf mehr - aber der tendenziell eher amerikanische Espresso den ich suche, eine Getraenk das versucht soviel "Eigen-Charakter" wie moeglich aus den Bohnen zu holen ist mit genauer Temperaturregelung so viel einfacher. Automatische Flush-Steuerungen mit mehreren Sensoren hatte ich zwar ueberlegt, aber das ist wieder gebastelt und sehr aufwendig.
Wenn man das alles zusammennimmt kommt man auf die Brewtus II im Systermann-Umbau. Es gibt seit neustem wohl auchnoch eine Izzo Alex Duetto die auch mit Rota/FW ausgestattet ist, aber die Brewtus ist in den Amiforen einfach "well-tested", die Izzo noch Neuland.
==== Wie die Brewtus zu einem kommt ====
Vorab will ich kurz den tollen Service von Andreas Systermann loben. Kleine weitere Umbauten wie z.b. ein Ablauf an der Abtropfschale o.ae. die nicht standardmaessig im Umbau inbegriffen sind wurden ohne Aufpreis oder Murren erledigt.
Die Brewtus selbst kam auf einer Einwegpallette von der Spedition. Ordentlich schwer ;P. Sehr schoen sicher verpackt war sie auch, Aussenkarton mit Folie auf die Pallette "geschweisst", innen dann der original Brewtus Karton mit einer sehr soliden Styroporkonstruktion (haerteres Styropor als das was "man so kennt"), die die Gute schuetzt. Es liegen ein Plastiktamper(!!!), ein Siebtraeger mit komischem Auslauf (zwischending zwischen Einer und Zweier), zwei Siebe, ein langer Druckschlauch und ein wenig Kleinkram bei.
==== Wie die Brewtus zum brodeln kommt ====
Der Anschluss hat sich relativ einfach dargestellt. Beim Abwasser musste ich ein wenig improvisieren, da hier kein Schlauch beilag, alles andere ist quasi Selbsterklaerend. Da die Maschine beim Umbau schon lief und ausgiebig getestet wurde entfaellt ein erste Aufheizen mit Hebel auf 45*-Stellung (um den Kessel beim ersten Aufheizen zu schuetzen).
Beim ersten Aufheizen ist mir dann gleich mal etwas aufgefallen: Das kleine Expansionsventil-Roehrchen dass unter dem Ablauf der Gruppe rausschaut hatte zwei Probleme - ersteinmal tropfte es wie verrueckt, mehr als mir normal erschien, und zweitens tropfte es nicht in die Abtropfschale, sondern auf das Gitterblech dass aufliegt. Super, also Systermann angerufen. Prompte Antwort, das sei nicht normal, das liege - zusammen mit dem zu hohen Bruehdruck (13Bar) daran, dass er die Maschine auf Tankbetrieb eingestellt hat. Ich muss noch die ~4Bar vom Festwasser draufrechnen und das Expansionsventil entsprechend einstellen. War auch kein Problem, nochmal zur sicherheit gefragt wo alles ist, und ab gehts. Bei der Gelegenheit auch gleich noch den Dampfboilerdruck auf 1.5Bar (war 1.1Bar) hochgeschraubt.
Beim ersten Bezug merkt man gleich mal einen Vorteil der Rotationspumpe. Das Ding ist LEISE. Im Vergleich mit diesem Vibrationspumpengescheppere sogar RICHTIG LEISE. Sogar leiser als meine Faema war, und die hatte Daempfer ohne ende. Man kann das Geraeusch garnicht so recht beschreiben - fuer diesen Chromklotz irgendwie geradezu erhaben ;P.
Was etwas Muehe gekostet hat ist das Menu des Reglers ganz zu verstehen. Das Ding hat insgesammt ueber 20 Optionen - davon braucht man regelmaessig gottseidank nur eine, das Offset fuer die Ratio Kesseltemperatur-Gruppenaustrittstemperatur (quasi die Angabe wieviel Waerme die Gruppe abgibt, und um wieviel das Wasser heisser sein muss damit doch die richtige Temperatur vorne ankommt. Ist logischerweise von der Umgebungstemperatur abhaengig).
==== Wie man unter Zuhiflenahme der obigen Wege ueber die Brewtus zum Espresso kommt ====
Nun aber mal zum wichtigen, wie verhaelt sich die Brewtus so im tagtaeglichen Gebrauch, und wie gut ist das was rauskommt denn nun wirklich? Hat sich der ganze Aufwand - ob zeitlich oder finanziell - denn gelohnt?
Aber erstmal langsam, gehen wir das ganze Schritt fuer Schritt durch. Ein normaler Arbeitsablauf an der Brewtus ist:
- Nach dem Aufstehen zur schon vorgeheizten Brewtus kommen.
- Man muss um die Bruehgruppe auf Nenn-temperatur zu bringen (E61 ist fuer HX maschinen gebaut, die Gruppe will mit ueberhitztem Wasser geheizt werden) einen Leerbezug machen. Aber nicht wie HX-Leerbezuege genau getimed oder sogar grosse Mengen. Grob 4 Sekunden rennen lassen, wenns weniger is nich schlimm, wenns 30s rennt auch nich schlimm ...
- G.g.f. an der Muehle die Alterung der Bohnen etwas ausgleichen, minimal groeber, Mahlen und WTD, "wie immer"
- Ab damit in die Brewtus, Hebel auf 45*, warten bis die ersten Tropfen kommen, Hebel ganz hoch und zuschauen wie rehnbraunes Gold aus dem ST Laeuft.
- Probieren, merken "uhhh, das ist doch etwas Sauer, Zeit hat aber gestimmt", Also ab hoch mit der Temperatur. 2*C hoeher. 10s warten bis der Boiler geheizt hat, nochmal ein kleiner Leerbezug um die neue Temperatur zur Gruppe zu bringen, Mahlen, ab rein => GODSHOT
Das ganze mag etwas aufwendig klingen. Im Vergleich mit dem was man dafuer bekommt, oder mit dem was an anderen Maschinen notwendig waere um so etwas zu bekommen ist das ganze allerdings erstaunlich einfach.
Ein grosser Vorteil an der Brewtus ist, dass man vollstaendig auf den Kaffee und dessen Perfektionierung konzentrieren kann. Man braucht nichtmehr rumzuschrauben oder sich zu ueberlegen welches Problem man wie todschlagen koennte. Da man sehr einfach an Druck und Temperatur rumstellen kann ist es absolut kein Problem jedem Kaffee genau das zu geben was er braucht. Wenn man dazu keine Lust oder Zeit hat gibt einem die genaue Temperaturkontrolle auch die Moeglichkeit kleine Bohnen- oder "Arbeitsfehler" auszugleichen. Mein etwas zu hell geratener Lintong den ich gerade in der Tasse habe habe ich mit einer etwas hoeheren Temperatur von 96*C gerettet. Das ist zwar gefaehrlich am oberen Ende, aber das Ergebnis kann sich trotzdem mehr als nur sehen lassen.
Auch erstaunlich ist es wieviel unterschiedliche Aromen Kaffees auf den verschiedenen Temperaturen abgeben. Es gibt ein Band von 2-4*C in dem Shots rauskommen, die man Godshots nennen kann, aber die trotzdem voellig unterschiedlich Schmecken, alle irgendwie charakteristisch fuer den Kaffee, aber doch vollkommen verschieden.
Jetzt aber genug geschwelgt, ab zum naechsten!
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- Life is too short to drink bad coffee
Faema Star (ex, mittlerweile wech), Expobar Brewtus mit Rota/FW, Uralt SuperJolly mit Stepless Mod, Mahlkönig Kenia, CBR-101 und Kleinkram
Lieblingsbohne: Vom Mannheimer Supremo ueber Walters Sumatra Lintong hin zu SquareMiles Takegon, mittlerewile der selbstgeröstete Finca la Fany von Steve...
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