Von Bohnen und Röstern
Kürzlich hatte ich Gelegenheit, mit Stefan Richter, einem Berliner Röster, ein längeres Gespräch zu führen. Darin kam einiges über das Thema Bohnen und Rösten zur Sprache, das uns helfen kann, die unterschiedlichen Endprodukte besser zu beurteilen.
Von Bohnen und Röstern
VKY:
Herr Richter. Als Mitinhaber einer Kaffeerösterei und eines Kaffeehauses haben Sie tiefe Einblicke in die Welt des Kaffees. Deshalb freue ich mich sehr, dass Sie für meine Fragen zur Verfügung stehen.
Am besten beginnen wir mit dem Ausgangsmaterial – den Bohnen. Vielleicht einige Worte zu den verschiedenen Sorten und ihren Qualitäten.
H.R.:
Bei Kaffee sprechen wir im Wesentlichen über zwei Sorten, die von unterschiedlichen Kaffeebäumen stammen, und die sich in den Anbaubedingungen stark unterscheiden: Coffea Robusta, bzw. Canephora und Coffea Arabica.

Der Robusta wird als weniger qualitätvoll angesehen und wächst in Regionen mit geringerer Höhe. Dabei ist er hitzeunempfindlich und braucht keine Schattenbäume, um direktes Sonnenlicht abzuschirmen. Er enthält doppelt soviel Koffein und Chlorogensäure wie der Arabica. Andererseits ist er kräftiger im Geschmack als Arabica und entwickelt deutlich mehr Crema.
In der Vergangenheit litt seine Qualität darunter, dass er sich wesentlich leichter anbauen lässt und ihm mehr Anbauflächen zur Verfügung stehen, da er im Flachland gezogen werden kann. Das hat dazu geführt, dass er relativ lieblos in großen Mengen angebaut wurde, um ihn möglichst billig verkaufen zu können. Deshalb wird er oft von Aufkäufern gewählt, die nicht an seinen geschmacklichen Eigenschaften interessiert sind, sondern ihn nur als billige Auffüllmenge ihrer Mischungen benutzen. Und dies führt dazu, dass man noch mehr Arbeitskräfte einspart, ihn noch schlechter aufbereitet und ihn dann noch billiger anbieten kann. Diese Negativspirale der Vergangenheit hat dem Robusta seinen schlechten Ruf als muffig, geschmacklich eindimensional und qualitätlos eingebracht.

Durch die positive Entwicklung des Marktes für Kaffeespezialitäten in den letzten Jahren sind auch die Ansprüche an den Robusta gestiegen. Die Kaffeebauern stellten fest, dass sie mittlerweile bessere Preise erzielen können, wenn sie die Pflanzen sorgfältiger ziehen und die Bohnen besser aufbereiten. Und prompt begann der Robusta durch die bessere Behandlung, ganz neue Qualitäten zu zeigen.
Er entwickelt durch die kontinuierliche Entwicklung in Aufzucht und Aufbereitung deutlich mehr Qualität und ganz eigene Geschmacksnoten, die ihn mittlerweile auch für den Spezialitätenmarkt interessant machen. In der gewachsenen Vielfalt finden sich inzwischen z.B. so reizvolle Sorten wie ein Monsooned Robusta aus Indien. Das führt inzwischen dazu, dass die Pflanzer mit ihren Büschen unter den speziellen Aufzuchtbedingungen ihrer Region experimentieren, um mit ihren Pflanzen bessere Qualitäten zu erzielen.
Guter Robusta wird heute von Spezialitätenröstern eingesetzt, um einer Mischung mehr Crema, mehr Körper und einen runderen Geschmack zu geben. Bei Milchmixgetränken, also Cappuccino, Café Latte und Latte Macchiato ist ein gewisser Robusta-Anteil sogar unerlässlich, da ein reiner Arabica geschmacklich in dem Mix untergehen würde.
Arabica entwickelt sich am besten in Höhenlagen von rund 800 bis 2.000 m in tropischen und von 400 bis rund 800 m in subtropischen Gebieten. Zu den bekanntesten Arabica-Sorten gehören Bourbon, Catuai, Excelsa, Catura, Pacamara und Maragogype, der sich allerdings kaum für die Espressoröstung eignet. Allerdings ist der Maragogype wegen der Größe seiner Bohnen und seines hocharomatischen Geschmacks sehr begehrt. Ebenso wie die Sorte Bourbon, die sich aber sehr gut auch für sehr dunkle Espresso-Röstungen eignet.
Die einzelnen Unterarten des Kaffeebaums unterscheiden sich nicht wesentlich in ihrem Erscheinungsbild, aber in ihren Ansprüchen an ihr jeweiliges Habitat: Höhenlage, Mikroklima, Bodenbeschaffenheit, Sonneneinstrahlung, Windeinfluss und Wasserbedarf.
Generell kann man sagen: je höher der Anbau, desto besser die Qualität: die Bohnen reifen mit abnehmender Temperatur in steigender Höhenlage langsamer und das Aroma wird intensiver und vielfältiger. Außerdem enthält Arabica weniger Koffein und weniger Chlorogensäure, reizt also die Magenschleimhäute in geringerem Maß als Robusta.

Je höher der Anbau, desto langsamer der Wuchs und desto schwerer die Bohne, bzw. desto höheres Volumengewicht. Und das bedeutet, ich kann sie länger rösten und dadurch mehr Säure abbauen – bei den besten Qualitäten bis zu 70 %. Das macht Hochland-Arabica so empfehlenswert für Menschen, die empfindlich auf Kaffeesäure reagieren – z.B. mit Sodbrennen oder gereiztem Magen. Bohnen aus tieferen Anbaugebieten mit geringerer Qualität wachsen schneller, besitzen dadurch eine geringere Dichte und ich muss deshalb den Röstvorgang früher abbrechen.
Ich halte es für überzeugend, den Arabica nach der Anbauhöhe zu klassifizieren, weil sich damit bestimmte Eigenschaften verbinden: mit zunehmender Höhe nimmt der Befallsdruck durch Schädlinge ab, was eine Verbesserung der Qualität der Pflanzen und natürlich auch der Bohnen zur Folge hat. Und es reduziert auf natürliche Weise den Koffeingehalt, denn Koffein ist eine Abwehrmaßnahme der Pflanze, mit der sie sich gegen Schädlinge wehrt!
Zur Klassifikation des Rohkaffees: Es werden weltweit unterschiedliche Systeme verwandt. In Südamerika wird Spezialitätenkaffee häufig nach der Anbauhöhe zertifiziert. Begriffe wie Hard Bean, Fancy Hard Bean oder Strictly Hard Bean kennzeichnen die höchsten und damit besten Lagen. Die Bezeichnung Strictly Hard Bean (SHB) wird allerdings auch als Auszeichnung verliehen, wenn ein Kaffee in besonderer Weise den Charakter seines Ursprungsgebietes repräsentiert.
Weltweit werden Bohnen nach ihrem „Grade“, also ihrer Größe beurteilt. Die Größe wird mit Hilfe unterschiedlicher Siebgrößen ermittelt und mit den unterschiedlichsten Bezeichnungen gekennzeichnet: In Kolumbien gibt es z.B. die Bezeichnungen Excelso für etwas kleinere und Supremo für sehr große Bohnen, während in Ost-Afrika Bezeichnungen wie AB, AA oder AA+ üblich sind.
Generell werden größere Bohnen als höherwertig betrachtet und erzielen daher die höheren Verkaufspreise. Leider sind die unterschiedlichen Klassifizierungen ziemlich verwirrend, gehen aber auf die unterschiedlichen Traditionen der Kolonialmächte zurück – Traditionen, die sich bis heute gehalten haben.

Welche Qualitätsstandards die einzelnen Sorten zu erfüllen haben, wird allerdings von nationalen Kaffee-Organisationen für die jeweiligen Märkte festgelegt. Die erste Organisation war die Specialty Coffee Association of America (SCAA), der dann die Speciality Coffee Association of Europe (SCAE) und weitere nationale Organisationen folgten.
Ein wichtiges Ritual zum Prüfen der Qualitäten der einzelnen Kaffees ist das sogenannte Cupping, also das Probetrinken der Sorten. Dafür wird sehr leicht und hell geröstet, bis die Bohnen Zimtfarbe angenommen haben. Die Kaffees haben so zwar noch nicht ihre endgültige Aromafülle. Aber es lassen sich am besten Bohnenfehler wie z.B. zu hoher Säuregehalt, aber auch der allgemeine Charakter der Ernte und spezielle Qualitäten wie Süße und Vielfalt der Aromen beurteilen, die bei tieferer Röstung teilweise verbrennen würden. Die Klasse, bzw Güte der Kaffees beurteilen wir nach den Kriterien Geschmack, Säure, Körper und Nachgeschmack.
VKY:
Warum erzwingen die Branchenriesen kein international einheitliches Klassifizierungssystem? Die großen Einkäufer müssten doch ein Interesse daran haben, den Einkauf zu vereinfachen – und sie hätten auch die Macht, das innerhalb eines Jahres durchzusetzen.
H.R.:
Das liegt daran, dass es bei den Spitzenqualitäten um eine Marktnische von nur wenigen Prozent des Weltmarktes geht – den sogenannten Spezialitätenkaffee. Und dieses kleine Segment ist für die Großen des Kaffeemarktes nicht interessant.
Die großen Firmen kaufen ihren Rohkaffee ausschließlich über den Preis. Ein Standardausdruck für diesen Rohkaffee ist z.B. Fair Average Quality (FAQ). Damit sind mindere Qualitäten gemeint, also auch Fehlbohnen, die bei der Auslese der guten Qualitäten aussortiert wurden.
Häufige Bohnenfehler sind Fehlfarben, geplatzte Bohnen – die sogenannten Ohrenbohnen, Bohnen ohne Center Cut – also Bohnen, denen der typische Mittelspalt fehlt, gebrochene Bohnen oder von Schädlingen angebohrte Bohnen.
Diese minderwertigen Qualitäten werden nicht entsorgt. Sie werden schön braun geröstet und landen dann in einer Mischung. Um die Qualität etwas zu verbessern, wird dann ein kleiner Prozentsatz fehlerfreier Bohnen niedrigerer Qualität dazu gemischt. Wenn diese Mischung nun auch noch gemahlen wird, sieht man von den Bohnenfehlern nichts mehr. Gängige Praxis ist es, solche Fehlbohnen-Mischungen zu aromatisieren oder zu löslichem Kaffee zu verarbeiten.
VKY:
Im Klartext heißt das: bei solchen Fertigprodukten weiß man nie, was in der Tasse landet. Wäre für mich ein weiteres Argument, Kaffee nur in ganzen Bohnen zu kaufen und mir möglichst vorher das Bohnenbild sehr genau anzusehen!
Geändert von Vincent Kluwe-Yorck (24.03.2010 um 12:20 Uhr)
Diagnose: Gigantomechania extremensis . . . Symptomatik: Junior S ist zu wenig – eine ausgewachsene Senior XXL musses sein!
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