Hallo liebes Kaffee-Netz
… wobei ich statt einem einfachen „Hallo“ fast geneigt bin zu sagen: Willkommen zu meinem neuesten Projekt an der Grenze zwischen harmloser Zeitverschwendung und bedenklicher Eigenbrötlerei. Diesmal sollte aus einem Gastro-Zweikreiser (der übrigens super funktioniert und keinen Anlass zur Klage gibt) ein Dualboiler werden. Nach ursprünglichem Plan müsste dazu reichlich gefräst, gesägt, geschweißt, gelötet, Metall geschmolzen und gegossen werden, als bewährte Ausrüstung vorgesehen war wie immer der Koffer mit den Qualitäts-Werkzeug-Sortiment von „Connys Container“, und am Ende hätte ich dann wahrscheinlich eine kaputte Espressomaschine, die einstmals super funktionierte und keinen Anlass zur Klage gab. Glücklicherweise habe ich vor dem ersten irreversiblen cut doch noch die rettende Idee gehabt, die Maschine ist heil und funktioniert jetzt ohne großen finanziellen wie zeitlichen Aufwand tatsächlich wie ein waschechter PID-gesteuerter Twin-Boiler. Der Einstieg in die Königsklasse zum gerade-noch-so-Studenten-Tarif! Na ja, von Anfang an:
Alles fing an mit einer herrenlosenSpaziale Professionale S, einem Zweikreiser, der schon im Urzustand sehr nach Twinboiler riecht. Dies begründet sich in der etwas merkwürdigen Sonderkonstruktion aus einem Dampfboiler und einem davon weitgehend getrennten Brühboiler, der über eine Dampfbrücke beheizt wird. Damit man sich das Prinzip so ungefähr vorstellen kann, habe ich mal ein Bildchen gemalt:
Der ursprünglich Plan war, die Dampfbrücke zu kappen und die hintere Hälfte des Brühboilers einfach aus dem Teileregal für die Spaziale Vivaldi (die ist ja schon „Dual“) zu ersetzen. Für einen halben Boiler, die Heizung, den Temperaturfühler und einen passenden PID dürfte man irgendwas zwischen geschätzt 300 und 600 Euronen berappen – falls man die Teile überhaupt einzeln bekommt. Und wenn die beiden Boilerhälften dann doch nicht zusammenpassen, hat man alles in den Sand gesetzt. Weitere Konzepte wurden bebrütet und gewälzt; die verwegenste Idee war, die Einstülpung des Brühboilers (in der sonst Heizdampf zirkuliert) mit Gießzinn auszugießen, in das flüssige Zinn ein oder zwei Lötkolbenspitzen (als Heizung) und einen Thermofühler zu stecken und das ganze im ausgekühlten Zustand über einen digitalen Zweipunktregler zu steuern. Kostenpunkt zusammen unter 100.- Euro – dafür kann man mal ein Experiment riskieren.
Natürlich hätte ich dafür aber ebenfalls den Dampfboiler schwer verstümmeln müssen, und es wäre auch beinahe so weit gekommen, wenn ich nicht nach ausgiebiger Suche auf so genannte „Düsenheizbänder“ gestoßen wäre. Diese sind in allen möglichen Dimensionen und Leistungsgrößen erhältlich, können als Heizelement einfach um einen Boiler gewickelt werden und kosten im Fachhandel gerade mal so um 50.- Euro – bingo! Damit der Leser den Begriff „Düsenheizband“ visualisieren kann, auch hierzu das passende Bild:
Es ist einfach eine Spannschelle aus Messing mit Heizdrähten drin. Man darf allerdings nicht zu heftig biegen und es muss am Ende schön stramm sitzen, sonst wird die Wärme nicht abgeleitet und es brennt durch. Auf meinen Boiler passte 75x30mm mit 450 Watt Heizleistung. Im Bild ist sie bereits montiert, dahinter wird in direkter Nachbarschaft der (nicht zu sehende) Thermofühler durch einen (gut zu sehenden) filzgewickelten Kabelbinder an die Boilerwand gepresst. Als Fühler habe ich ein K-Element von Conrad genommen, der digitale Regler kam vom preiswerten und bereits erprobten „msr-vertrieb“ via ebay. Die Temperatur habe ich schon vor dem Umbau an verschiedenen Stellen ausgiebig gemessen und bin zu folgenden Ergebnissen gekommen: Als Zweikreiser war die Stabilität nahezu bilderbuchhaft. Einmal aufgeheizt, schwankte die Temperatur am Messpunkt (Boilerwand) innerhalb eines Pressostatzyklus („25s heizen und 2min55 Pause) um gerade mal plusminus 0,3 Grad. Wer hätte gedacht, dass eine geschickt konstruierte Uralt-Technik so exakte Temperaturverläufe produziert. Ließ man die Maschine stehen, so kämpfte sich dieser Zyklus Stunde um Stunde um insgesamt maximal 2 Grad nach oben – es gab also auch nach stundenlangen Standzeiten kein arges Überhitzen und keinen Grund zum Leerbezug. Durch Entnahme eines Espresso fiel die Temperatur um 3 Grad (oder um 10 für einen Kaffee), die Regeneration dauerte etwa 5-10 Minuten. Temperaturmessungen direkt am Auslauf des Siebträgers waren weniger eindeutig, brachten aber zumindest interpretierbare Werte: Weder bei Espressobezug (1ml/s) noch bei Kaffeebezug (5ml/s) fällt die Brühtemperatur. Erst bei reinem Leerbezug (12ml/s) sinkt sie nach der Entnahme von ca. 120ml auf unter 90 Grad am Auslauf (Höchsttemperatur hier: 91,6 Grad). Leider ließen sich keine Brühtemperaturen unter echten 94 Grad realisieren, da dafür der Dampfboiler zu stark heizte. Hauptgrund für den Umbau war also nicht eine „Verbesserung“ des Temperaturverhaltens, sondern die Stromfresserei des kaum benötigten Dampfboilers, den ich jetzt endlich nach Herzenslust abschalten kann, sowie die (für Robusta) etwas zu hohe Minimaltemperatur.
Nach dem Umbau und ersten Gehversuchen mit dem PID, für die ich hervorragende Tips aus dem Board bekam (danke!!!), sieht es so aus:
- Vollständig Durchheizen dauert jetzt 30 Minuten statt 2 Stunden, dank der Brühkopfnahen Heizung.
- die Temperatur am Boiler ist nach fünf Minuten auf Soll und hat nur minimale Überschwinger von plusminus 1 Grad.
- Nach Kaffeeentnahme Abfall um 7 Grad, Refresh in gerade mal 2 Minuten. Top!
- Stromverbrauch mit abgeschaltetem Dampfboiler halbiert sich – yeah!
Wer´s nachmachen will: Ab und an findet man sogar eine zweigruppige Spaziale in der Bucht, die niemand haben will. Die könnte man dann mit zwei Heizbändern und zwei PIDs für zwei verschiedene Bohnensorten gleichzeitig ausrüsten. Alles in allem habe ich für Maschine, Rota, PID, Heizband und Kleinkram gut 400.- Euro ausgegeben – Dank übrigens nochmal für die kompetente und freundschaftliche Board-Hilfe, die ich bekommen habe. Wenn mich wieder der Bastelfips packt, werde ich die ganze Maschine mal überholen, entkalken und neu verkabeln – das habe ich bis jetzt immer wieder aufgeschoben. Oder ich baue die manuelle Präinfusion für Tankmaschinen von Gunnar nach. Jetzt muss ich aber erst mal eine Weile mit meinem neuen Spielzeug knuddeln!
Viele Grüße
Georg
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