AW: Erst später Hebel-Widerstand bei La Pavoni

Zitat von
benelauer
(..) woran liegt es, dass ich bei meiner Pavoni erst nach einigen "luftigen" Zentimetern einen Gegendruck spüre? Ich lasse immer ordentlich
prä-infus....ionieren (?) und hebele manchmal sogar 2-3 mal kurz rauf und runter, aber ich kann den Hebel immer noch einiges runterbewegen, bevor ich Widerstand bekomme.
Dann scheint mir der Gegendruck und die Hebelbewegung vollkommen in Ordnung, die Kaffeemenge ist auch ok, könnten aber ein paar Milliliter mehr sein... Maschine ist übrigens soweit kalkfrei! (..)
Folgende Angaben entnehme ich der Frage und die sind bedauerlicherweise alle sehr diffus formuliert. So diffus, daß ich aufgrund meiner beschränkten Erfahrungen mit dem La Pavoni System annehmen könnte, Du machst fast alles, das meiste oder auch nur ein wenig was falsch. Das ist wiederum nicht möglich, da nicht so ganz klar ist, welches gewünschte Endprodukt Du erwartest. Mir fällt es weiterhin sehr schwer, die meiner Ansicht nach möglichen Ursachen für einen mal angenommen wirklich zu geringen Gegendruck nach ihrer Wahrscheinlichkeit zu sortieren oder sonstwie zu bewerten. Hier die detaillierten Gründe dafür:
- "luftige" Zentimeter
Zunächst einmal sind einige "luftige" Zentimeter, wie Du sie nennst, ganz normal, wenn man sich die Konstruktion veranschaulicht. Ist der Hebel ganz oben, so ist der Kesselinhalt mit der Aussenwelt verbunden, dazwischen ist im Grunde nur der Kaffepuck. Auf diese Weise ist ein Vorbrühen möglich und da wirkt sich effektiv der Kesselüberdruck aus (m.W. ca. 1,1-1,2 bar). Den Moment, bei dem das Ventil aufgeht, oder besser: sich der Übergang von Zu nach Auf bei der Hebelbewegung nach oben vollzieht, kannst Du Dir am besten beim langsamen (ca. 5 Sek.) _Hoch_ziehen des Hebels erspüren. Da spürt und hört man deutlich, daß der Kesseldruck sich etwas entspannt und das Wasser in den vorderen Teil der Brühgruppe zu fließen beginnt.
Bei der La Pavoni ist es bei der Herstellung von Espresso, welches ein Anpressen des Kaffeepulvers (Tampern) im Sieb üblicherweise beinhaltet, wichtig, den Handhebel beim Brühvorgang vorsichtig und langsam nach oben zu bewegen, damit der dabei entstehende Unterdruck zwischen Kolben und Puck den Puck nicht beschädigt. Dies würde nämlich dafür sorgen, daß das Wasser beim Brühen durch die Bruchstellen des Pucks ohne großen Widerstand durchrauscht (eine Art von Channeling). Dies wäre eine der möglichen Ursachen für einen zu geringen Gegendruck. Du kannst auch, wenn Du den Vorbrühpunkt erspürt hast, den Hebel bis kurz davor hochbewegen und dann erst den Siebträger einspannen, um das auf alle Fälle zu vermeiden - dies erhöht jedoch die Verletzungsgefahr. Ich halte es für völlig ausreichend und bequemer, sich mindestens 5 bis 6 Sekunden Zeit für das Hochbewegen zu lassen und dieses möglichst gleichmäßig durchzuführen.
- Gegendruck
Wie groß ist dieser Gegendruck, den Du erfährst und nicht OK findest? Welchen Gegendruck erwartest Du, welcher wäre OK? Die ca. 9 bar Espressobrühdruck entsprechen ungefähr einer Kraft, die benötigt wird, um auf der Erde ein Gewicht von 14kg zu heben.
Hier befindet sich eine Berechnung dazu:
Nach Bohnenwechsel Pavoni Handhebel schwergängig
Benutze eine Personen- oder geeignete Küchenwaage, um Dir einen gewissen Eindruck davon zu verschaffen, diese Kraft größenordnungsmäßig richtig einzuschätzen, die Du auf den Hebel auszuüben hast, um diese ca. 9 bar beim Brühen zu erzielen. Sofern Du überhaupt Espresso machen willst.
- ordentliches Vorbrühen (preinfusion)
Bei der La Pavoni Handhebelmaschine brüht man mit Kesseldruck vor, der ist viel geringer als Leitungsdruck, der bei vielen Rotationspumpenmaschinen zum Vorbrühen verwendet wird. Du schreibst nicht, wie lange Du vorbrühst. Zwei oder vier Sekunden, wie bei anderen Maschinen sind möglicherweise nicht ausreichend. Meiner Erfahrung nach hat das viel mit dem Ergebnis in der Tasse zu tun. Ich brühe 10 Sekunden vor und es macht wohl einiges aus, ob es nur 5 sind oder 15 Sekunden. Ich gucke dabei auf meine Armbanduhr.
- manchmal 2-3 mal kurz rauf und runter
Du schreibst nicht, welches Sieb Du verwendest, das Einer oder das Zweier, und welche Kaffeemenge in der Tasse Du erzielen willst. Dies zu wissen, würde wirklich helfen, das Problem näher einzugrenzen oder etwas gezieltere Rückfragen stellen zu können. Es gibt kleine Meßgefäße aus Glas, ähnlich Shotgläsern, die aussehen wie ein Schnapsglas, die für die genaue Messung zweckmäßige Strichelungen haben, z.B. für Single/Double Espresso/Ristretto. Damit könntest Du Deine Angaben besser quantifizieren.
- einiges
So nun ist natürlich eigentlich alles unklar, insbesondere, was eigentlich erwünscht ist.
Hier ist ein Link, den ich als Ausgangspunkt für meine bisherigen Erfahrungen genommen habe:
CoffeeGeek - Pavoni Pro - Operation & Maintenance
Dabei ergibt sich nach meiner Erfahrung ein Gegendruck der ungefähr dem 14kg Vergleich entspricht. Das Ergebnis ist bei mir, entsprechenden Bohnen (90/10 Arabica/Robusta) und feinem Mahlgrad dann bei dem 2er ST ein sehr öliger Ristretto mit exzellenter, hell/dunkel gestreifter, haselnussbrauner Crema.
Ich bewege dabei den Hebel je nach "Saftigkeit" der Bohnen 1-1,5 mal. Dabei immer zuerst ein halbes Mal, dann ein ganzes Mal. Diese Reihenfolge macht einen Unterschied, auch wegen der Konstruktion.
Ich glaube nicht, dass Dichtungen kaputt sind. Ich glaube, Du hast zu grob gemahlen. Wichtig ist auch, ein gleichmäßiges Mahlergebnis zu erzielen. Verwendest Du überhaupt eine Espressomühle? Sind die Bohnen schon abgelaufen oder haben wochenlang in der Sonne oder dem Supermarkt gelegen?
Zur La Pavoni muß ich sagen, daß es sehr wichtig ist, eine peinlichst genaue Prozedur einzuhalten. Zum einen, solange man noch nicht das Optimum gefunden hat, weil es wichtig ist, immer alles gleich zu machen, um die bewußten Veränderungen einer Variablen einschätzen zu lernen. Zum anderen, sofern man es gefunden zu haben glaubt, bereits geringe Abweichungen von der Prozedur mit deutlich unterschiedlichem Ergebnis bestraft werden. Änderst Du die Bohnen, dasselbe Spiel..
Insbesondere ist bei der La Pavoni wichtig, zu welchem Zeitpunkt die Shots gezogen werden.
Ich schaffe es derzeit nur so: Aufheizen, Entlüftung, erneutes Aufheizen, einen Shot ziehen, Milchschäumen, ggf. einen weiteren Shot ziehen.. dann immer eine längere Abkühlphase. Es ist mir nie möglich, mehr als zwei gute Shots zu ziehen, bevor der vordere Teil anscheinend zu heiß wird. Diesen mit einem nassem Handtuch zu kühlen fand ich zu inkonsistent und auch zu nervig. Mögliche Ursache für keinen Gegendruck: deine Maschine ist vielleicht schon Stunden an und der Dampf, der statt des zum Brühen erforderlichen Wassers, aus der Dusche rausdonnert, zerschießt Deinen Puck, bevor der überhaupt naß werden kann in größere oder auch kleinere Fragmente, an denen der Dampf kondensiert, irgendwann auch Wasser entlang- und dran vorbeiläuft und sicher ganz ohne Gegendruck eine Art wäßrige Lösung produzieren würde.
Weitere ungeordnete Tips die "einiges" mit fehlendem Gegendruck zu tun haben könnten:
- mach vor jedem Bezug einen kurzen Leerbezug ohne ST, immer gleich viel
Dies soll auch dazu führen, daß Du Dich darüber vergewisserst, daß _Wasser_ aus der Dusche austritt und kein _Dampf_ und das Dingen noch zu heiß ist.
- schau Dir den Puck an, erst nachdem sich der Druck zwischen ST und Dusche abgebaut hat und er ein bißchen abkühlen konnte (wenn Du alles richtig gemacht hast, ab ca. 30 Sekunden nach Bezug, bis keine Tropfen mehr unten rauskommen, mal warten, wenn Du nicht braun gesprenkelt werden willst)
Die Oberfläche des Pucks soll noch plan sein, keinerlei Löcher haben. Der Puck soll nicht matschig sein.
Dann Ausklopfen.. der Puck kann im Ganzen nach einem bis wenigem Klopfen schön aus dem ST rausfallen, nach dem Klopfen, nicht von selbst. Er soll keine oder nur sehr wenig Reste im Sieb lassen. Du solltst das ganze Ding (ST und Sieb) dann auch immer ausspülen und auswischen. Stalagtiten und -miten, sowie mehrfach patinierte Kaffeefettschichten und Fremdkörper können das Aufbauen des Gegendrucks möglicherweise verhindern! In diesem Bereich der forensischen Espressologie bin ich jedoch nur wenig bewandert, vielleicht können da andere noch was beisteuern. Hast Du vielleicht versehentlich Instantkaffeepulver in das Sieb gefüllt?
Ich muß schon "einiges" an Kraft aufwenden, um meine getrockneten, erkalteten Pucks zu zerbrechen. Dadurch, daß ich nicht voll extrahiere, zementiere ich das Pulver sozusagen zusammen.
Zu allerletzt sollte wohl auch noch das Anpressen / Tampern erwähnt werden. Schön plan, nicht? Parallel zur Siebunterseite. Nicht zu fest, nicht zu locker, vor allem ab irgendwann mal immer gleich, die interessanteren Variablen, finde ich, sind andere. Gibts ja hier auch schöne Fäden zu, wenn Du jetzt quantifizierte Kraftangaben willst: ich habs bei mir nicht gemessen, da ich die genaue Kraft als unerheblich erfahren habe - hier produzieren bis zu 30% Abweichung bei mir keine merklichen Unterschiede, solange es parallel und gleichmäßig verteilt angepresst wird.
La Pavoni Europiccola Pre-Millenium, Quick Mill Apollo
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