The beast finally sleeping
So, in die Ärmel gespuckt und die Hände stramm gezogen - wir sind schließlich nicht zum Vergnügen hier! Falls es jemanden interessiert, wie es sich anfühlt mit so einem Ungetier: hier ein erster kleiner Zwischenbericht über
MEINE ERSTEN 24 STUNDEN MIT EINEM GASTROMONSTER
Die schiere Größe eines solchen Getüms macht zunächst einmal ehrfürchtig und fast ängstlich. Kann ich ahnungsloser Zwerg das Ding überhaupt beherrschen - oder prügelt es mich zur Küche hinaus, wenn ich zur Unzeit am falschen Hebel drehe? Dreimal wird die Bedienungsanleitung gelesen, bevor man sich traut, überhaupt eine Hand zu heben. Aber dann überwindet man sich, den Hauptschalter umzulegen und prompt rattert es tief in den Eingeweiden, den innersten Katakomben des Labyrinthus Technicus und signalisiert Handlungsbereitschaft - fast klingt es schon zwanghaft nach Handlungsbedarf. Will heißen "Wenn Du jetzt nicht gleich den Ofen befeuerst, hau ich Dir an den Ballon, Du Wicht!" Also Heizung an, nachdem die Pumpe durch ihr Schweigen signalisiert, dass sie vorerst ihr Tagwerk getan hat und zur weiteren Verfügung steht, das heißt, der Kessel ordnungsgemäß gefüllt der weiteren Dinge harrt.
Die nächsten Stufen des Prozederes müssen nicht beschrieben werden, da sie hier jeder von seiner eigenen Maschine kennt.
Aber dann. Zunächst fällt es mir nicht einmal auf, weil ich viel zu sehr mit der Abstimmung sämtlicher Parameter der Espressozubereitung und mit den technischen Abläufen beschäftigt bin. Nach 24 Stunden und einem guten Dutzend kleiner und großer Brauner klingelt's endlich in der Birne: ein kurzes Resumée. Da war doch ... und ist da nicht? ... Na klar, dämmert es mir. Ein Schritt meiner früher üblichen Prozedur fehlt ausnahmslos. Das Surfen auf der Temperaturkurve hat sich völlig erübrigt. Ich trete lässig an die Maschine, gebe mich den Freuden des Mahlens, des Herumgewuscheles mit dem Pulver im Sieb und des Getamperes hin, spanne den Siebträger ein und drücke auf den Knopf, der den aromatischen Saft fließen lässt. Kein flushen, keine Leerbezüge - einfach nur Knöppchen drücken und mit freudig gespitzten Lippen zuschauen, wie sich der Strahl ergießt.
Mittlerweile schmeckt es sogar. Hatte ich das schon erwähnt? Von Tässchen zu Tässchen wird es süßer und milder und es entfalten sich Aromen von süßer Schokolade, gemischt mit Honig (jawoll!) und einem Hauch von Koriander. Unglaublich. Wie habt Ihr italienischen, arabischen, griechischen und türkischen Gastwirte, die Ihr mich in den letzten Jahrzehnten mit Eurer entgleisten Vorstellung von "Espressokultur" vergewaltigt habt, mich um die höheren Weihen eben dieser zauberhaften Kunst betrogen, Ihr Schandbeutel, Ihr dammichten! Ich schwöre hier Stein und Bein: sowas Leckeres wie aus meiner Epoca habe ich noch nie getrunken.
Und um die Temperatur von blankem Unglauben getrieben zu überprüfen, habe ich immer wieder zwischendurch an allen nur erdenklichen Stellen mein neues Präzisionsthermometer mit Computer-Schnittstelle angesetzt, um die Temperaturen zu messen (man merke: typisch Mann - gleich ein Bündel neuer Spielzeuge - und alle wollen - "MÜSSEN" AMTLICHERWEISE!!! - ausprobiert und getestet werden. Und da zeigt sich auch in nüchternen Zahlen: die Kiste hält einfach stur ihre Temperatur. Ohne zu mucken. Kein Rütteln und kein Schütteln. Sie steht auf 93°.
Das ist wahrscheinlich, was den großen Vorteil einer Gastromaschine bewirkt: ihre Temperaturstabilität, die sie durch die schiere Masse ihres kolossalen Lebendgewichts präsentiert und mit der sie sämtliche Heimwerkerkisten zu Spielzeugen degradiert. Wie sich die besondere Güte des Geschmacks erklären lässt, kann ich mir noch nicht erklären (vielleicht kann hier einer unseren erfahreneren Cracks mit seinem Wissen helfen) - ich stehe ja noch ganz am Anfang einer langen Lernkurve. Und dabei habe ich noch nicht einmal mit dem Paradiesapfel der vielen einzigartigen Bohnen gespielt - da wartet noch ein unglaubliches Kaleidoskop vom einfachsten Robusta bis hin zur Cup of Excellence und den fantastischsten Single Origins aus aller Herren Länder! Mittelamerika, Südamerika, Jamaika und der Rest der Karibik. Äthiopien, Kenia, Tanzania, Indien, Ostasien nicht zu vergessen. Faszinierend.
Fazit: Die Entscheidung für solch eine Maschine ist fast jede Schandtat in einer partnerschaftlichen Lebensgemeinschaft wie einer Ehe wert - von der einfachen List der Überredungskunst bis hin zu den höheren Künsten der Bestechung mit neuen Pelzmänteln, Kücheneinrichtungen oder auch Erfüllung des traurig leidend gehegten Wunsches nach einer Harley (falls ein männlicher Partner überzeugt werden muss).


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