Hallo,
voller Hoffnung auf einen professionell organisierten, fachlich hochwertigen Rundumblick zum Thema Kaffee (hier mit Fokus auf Filterkaffee), buchte ich das zweitägige "Gold Cup"- Seminar der SCAE, das im Rahmen der "Kaffeeolympiade 2009" angeboten wurde. Das vorab angekündigte Programm sah vielversprechend aus und die 2 Tage ließen erwarten, daß zu jeder Thematik die wichtigsten Sachen gründlich angesprochen würden.
Vorne stand ein untersetzter, mittelalter, freundlich wirkender Herr, der zunächst die botanische Seite behandelte- oder dies wenigstens versuchte. Gerade dies ist auch eines der Themengebiete, welches mich besonders interessiert. Ziemlich schnell wurde klar, daß es Kommunikationsprobleme gab- und zwar erhebliche, und diese lagen im Sprachlichen und Inhaltlichen. Der Dozent hatte ganz erhebliche Probleme mit der deutschen Sprache und verlor immer wieder den roten Faden (hatte er überhaupt einen?) bzw. machte meilenweite Abstecher in Form von Geschichtchen mit zweifelhaftem didaktischen Wert.
++
Zur Sprache- und um Mißverständnisse zu vermeiden: Im alltäglichen Leben mache ich keinem Menschen einen Vorwurf, wenn er/sie Probleme hat sich mitzuteilen. Wenn ich aber als Dozent vor einer Gruppe von fast 20 Leuten auftrete, die alle einen mehr oder weniger professionellen Hintergrund haben, von jedem 300 EUR kassiere (ging insgesamt an die SCAE, sicherlich nicht nur an den einen Dozenten) und selbst den Anspruch habe einen guten Vortrag halten zu wollen, dann kann ich nicht bei fast jedem 3.-4. Wort lächelnd ins Auditorium fragen, wie dieser oder jene englische Ausdruck denn auf Deutsch heiße. Es wäre dann, zumindest für mich, völlig ok gewesen, die Vorträge auf Englisch zu halten.
Dann die Geschichtchen oder Randbemerkungen....
Keine Frage: Ein paar eingestreute Geschichten lockern jeden Vortrag auf. Ich finde zwar, daß die Thematik auch ohne soetwas spannend genug ist, aber von mir aus. Wie bei allen Dingen gibt es auch hier ein Gleichgewicht, das der Vortragende irgendwie ausbalancieren sollte. Hier ist der gute Herr aber offenbar ständig (!) komplett aus der Balance gekommen.
Gleichzeitig blieb natürlich die Uhr nicht stehen. Die Fülle der Themen hatte ja die zwingende Konsequenz, daß man konzentriert durch alle Bereiche hätte durchgehen müssen. Dann wäre evtl. auch noch Zeit für Geschichten gewesen... So aber realisierte der Herr immer wieder "plötzlich", daß man ja nun keine Zeit mehr habe. Ein Präsentationsbild nach dem anderen wurde dann weggeklickt nach dem Motto "Ist nicht wichtig" oder "Hatten wir schon". Beides war i.d.R. nicht zutreffend.
Fragen wurden zwar zugelassen, aber manchmal hatte ich das Gefühl, daß sie nicht immer willkommen waren. Das schlampig vorgetragene erste Kapitel zum Thema "Anpflanzung und Verarbeitung von Rohkaffee" (auf das ich mich besonders gefreut hatte) machte schnell klar, wie sich die weiteren Teile der Veranstaltung gestalten würden. Ich hatte noch 2 oder 3 Nachfragen, von denen dann aber nur eine beantwortet wurde. Dann wurden wieder Geschichtchen erählt und es begann dann schon das nächste Kapitel mit dem Hinweis, man müsse sich nun etwas beeilen (also keine Chance mehr auf Beantwortung der bis dato unbeantworteten Fragen...).
OK war das Cupping am zweiten Tag, obwohl es auch hier klare Verbesserungen geben könnte. Hätte man das ganze überflüssige Gelaber dieses SCAE- Herrn gestrichen, so wäre locker Zeit für 3 oder 4 Cuppings gewesen. Der Herr heißt Alf Kramer und ist, wenn ich es richtig gehört habe, Gründer der SCAE. Bisherige Berichte über ihn fielen, soweit ich sie zufällig las, positiv aus- was in mir große Zweifel weckt...
Bei Barista Level 1 /2 - Seminaren wird wohl auch häufig derart durch die Gegend gelabert. Die Veranstalter sollten sich einfach mal Gedanken darüber machen, was für eine Unverschämtheit das eigentlich ist. So mancher schaufelt sich mit Mühe und Not 2 Tage frei, fährt ggf. eine weite Strecke zum Veranstaltungsort, muß dort für viel Geld übernachten (in diesem Fall: Messezeit!) - und dann sowas!
Ja, natürlich, ein wenig hat die Veranstaltung gebracht. Ich habe auch ein Jodeldiplom... ähhh... ich bin zertifizierter Gold Cup Brewmaster Level 1. Yeah...
Konstruktiv: Ich finde es sehr gut, daß es Menschen gibt, die sich um die Verbreitung von Wissen kümmern, auch wenn's um Kaffee geht. Nur der Plan alleine reicht nicht. Die SCAE ist auch heute noch für mich ein nicht ganz durchschaubares Buch. Es wird sich natürlich nur Gutes auf die Fahnen geschrieben- gleichzeitig ist ein gigantisches Geschäft im Hintergrund (eben alles, was mit Kaffee zu tun hat) und eine Distanzlosigkeit zur Industrie (ein Punkt, über den man hier natürlich geteilter Meinug sein kann, denn die Entwicklungen kommen ja von dieser Industrie).
Wenn man aber auf einer solchen Messe ist und manchmal die Leute sieht, die da herumlaufen, dann bekommt man schon schnell den EIndruck, daß es nur um's Geschäft geht. Für viele ist die SCAE eine Druckmaschine für Zertifikate, eine Marketingmaschine. Da wird nicht groß im Kurs nachgefragt- Ziel ist nur der Wisch. "Brewmaster Level 1". Das wird jetzt bei vielen im Café hängen und jeden, zumindest den Kunden gegenüber, als "Experten" ausweisen. Es wird auch immer brav geklatscht, denn mit der SCAE will es sich der unbedarfte Café-Betreiber nicht verderben.
Mehr Ehrlichkeit wäre hier von allen Seiten wünschenswert.
Naja, ich glaube, ich werde in der SCAE nicht meine Heimat finden.
Gruß
Paul


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