Grüzi miteinand,
es existieren wahrscheinlich unzählige Posts in diesem, für mich Anfangs sehr speziellen Forum, doch werde ich mich nicht davon abhalten lassen, mein Eintauchen (und anders kann man es eigentlich nicht nennen) in eine, von manchmal seltsam Entrückten, bevölkerten Welt zu beschreiben.
Am Anfang war er Tod – in Form einer, wie ich dachte, zu früh dahingeschiedenen DeLonghiEC 155, vor ein paar Jahren in Italien für kleines Geld erstandenen Espressomaschine.
Nach kurzer, eingehender Beratung mit meiner von mir, unter anderem ihres klaren Verstandes wegen, über alles geliebten Ehefrau (deren Vater, so will es der Zufall, waschechter Italiener ist), wurde folgende Übereinkunft getroffen:
Anzuschaffen sei ein Gerät ähnlicher Bauart; Größe und finanzieller Rahmen sollten sich nicht allzu weit vom gewohnten entfernen. Gesagt, bestellt – DeLonghi 330S, 119,- Euros inkl. Versand. Perfekt. Leider war ich in dem knapp bemessenen Zeitfenster zwischen Bestellung und Lieferung auf dieses Forum gestoßen, und hier bekam ich in einer Nacht, die etwas länger dauerte, mal kurz erklärt warum mein Espresso niemals so schmecken wird wie der, den ich seit fünfzehn Jahren in jeder x-beliebigen Bar Italiens, ja selbst an den runtergekommensten Autobahnraststätten auf dem Weg nach Capodimonte, für maximal 80 Cent von unterbezahlten, aber immer sensationell gutaussehenden Ragazza serviert bekomme. Hier war sofort klar: keine halben Sachen. Du willst Espresso trinken? Du hast 1640,- Euro für einen chromblitzenden Italoschlitten feinster Bauart bezahlt, aber KEINE MÜHLE??? Kriech im Staub, Unwissender! Ohne die wirst du hier noch nicht mal bedauert...
Also gut. Ich schätzte mich selber als nicht chronisch beratungsresistent ein, aber eine Kaffeemühle zum Preis einer Espressomaschine? Erstmal schlafen. Der nächste Tag wird fast uneingeschränkt der Espressofrage geopfert. Ebenso der darauf folgende. Was zum Teufel haben Menschen gemacht, die Espresso trinken wollten, aber kein Internet hatten?
Und so änderte sich ein Teil meines Lebens - nicht langsam und unbemerkt, sondern auf einen Schlag. Meine Gedanken kreisen in wachen Stunden nicht um Familie, Job oder wer die nächste Fuhre Heizöl bezahlt, nein, hier geht es um wichtigeres! Gaggia oder Silvia?
Rocky oder Demoka? Lieber klein und neu oder riesig groß, aber gebraucht?
Ein Gerät um Kaffemehl, das jetzt Mahlgut heißt, zusammenzudrücken - aus Kirschbaumholz und Edelstahl – für schlappe 50,- Euro, statt des mitgelieferten Plastikteils für 50 Cent?
Und wie genau erkläre ich das alles meiner Frau?
Offiziell um mich geschehen war es, als ich feststellte, dass mein eigentliches Leben keine Bedeutung mehr hatte. Nicht ich bin der Mittelpunkt meines Lebens, nein, es ist die Frage wie zum Geier anständiger Espresso entsteht, ohne verrückt zu werden und/oder Pleite zu gehen.
Meine Helden – gestern noch hießen sie Miles Davis oder T.C. Boyle – heute sind es Galgo, Largomops und Vincent Kluwe-Yorck. Sie haben es mich gelehrt, ohne selbst davon zu wissen.
To make a long story short: Die DeLonghi wurde unausgepackt zurückgeschickt. An der ihr zugedachten Stelle stehen heute eine Gaggia Classic, quasi der Golf unter den Siebträgern, in kongenialer Eintracht mit einer Ascaso I-Mini, die nicht nur hervorragend Espresso mahlt, sondern ebenso zuverlässig allen Familienmitgliedern das Ende der Nachtruhe verkündet.
Vielen Dank dafür,
Holger


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