Der Unterschied macht die Differenz!
Da ein unbebilderter Thread von mir ungewöhnlich wäre, mir aber zu diesem Thema beim besten Willen kein geeignetes Bild einfällt, stelle ich als Aufmacher einfach ein Frühlingsfoto ein, das ich gestern fabriziert habe. Passt zwar nicht zum Thema, aber zur Jahreszeit:

In den letzten Jahren gab es zahlreiche heiße bis erbitterte Debatten über verschiedene Aspekte der Espressozubereitung, an denen ich teilweise nicht ganz unbeteiligt war.
Dies nur einige Beispiele:
Spielt Tampern eine Rolle - und wenn ja, wie sehr?
Ist es entscheidend, bei jedem Mahlvorgang exakt die richtige Dosierung zu treffen (Frage nach Sinn oder Unsinn einer Feinwaage)?
Bringt WDT etwas, also das Umrühren und Zerstoßen des Kaffeepulvers mit dem "Atomizer" vor dem Bezug?
Stören Altmehlreste in der Mühle oder solle man sie nach jedem Mahlvorgang herauspinseln?
Bringen unterschiedliche Tassen einen Unterschied im Geschmack?
Das waren einige der Fragen, mit denen wir uns heftig auseinander gesetzt haben. Nun habe ich in der letzten Zeit häufiger darüber nachgedacht, warum so viele intelligente Boardies zu völlig konträren Ansichten kommen. Und vielleicht kann ich ein wenig zur Aufklärung beitragen.
Ich hatte in der letzten Zeit häufiger Gelegenheit, sehr unterschiedlich Maschinen zu bedienen oder ihrer kompetenten Bedienung beizuwohnen und die Ergebnisse dann auch zu verkosten. Und dabei ist mir aufgefallen, dass sich die einzelnen Mühlen und Maschinen doch erheblich voneinander unterscheiden. Ich verzichte jetzt darauf, die einzelnen Unterschiede genau zu beschreiben, weil das für die Argumentation keine Rolle spielt.
Die entscheidende Beobachtung ist, dass bei vielen unserer Streitereien ALLE Standpunkte richtig sein können! Wie das?!? Weil sich das Prozedere an den verschiedenen Gerätekonfigurationen so erheblich unterscheiden kann, dass es in dem einen Fall - z.B. an Volkers Ela mit ihrer speziellen E61-Brühgruppe - überhaupt keine Rolle spielt, ob ich das Kaffeepulver vorher mit dem "Atomizer" verrühre oder nicht: auch völlig ungerührt spratzelt nichts an seiner Maschine! Bei meiner ansonsten sehr gutmütigen Rancilio dagegen spritzt der Kaffee beim Bezug in alle Richtungen, wenn ich das Pulver nicht verrühre. Ich spreche jetzt über den Bezug mit einem bodenlosen Siebträger! Bei einem Standardsiebträger mit Auslauf spratzelt es natürlich so oder so nicht - allerdings merkt man auch nicht, ob das Kaffeemehl gleichmäßig durchfeuchtet wird oder nicht (Stichwort Channelling).
Und so ist es bei den meisten Techniken: An der einen Maschine macht es einen großen Unterschied, wie fest und sorgfältig getampert wird - an einer anderen kaum. Früher habe ich mich z.B. immer über Tanja Cappufans kapriziöse Tamperbeschreibungen an ihrem Gastro-Handhebler gewundert. Inzwischen kann ich das durchaus nachvollziehen, nachdem ich mittlerweile selbst häufiger an großen Handheblern gestanden habe.
Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt, der eine Rolle spielt: das Maß der eigenen Erfahrung und des eigenen Anspruchs. Erfahrung muss man natürlich haben, um die Unterschiede überhaupt wahrnehmen und dann auch noch richtig einordnen zu können. Und mit Bezug auf den Anspruch: Dem Einen ist es egal, wenn das Pulver in der Mühle nach 3 - 5 - 7 Stunden etwas abgestanden schmeckt - oder seine Maschine verdeckt den leicht ranzigen Geschmack schlicht und ergreifend.
Das sollte vielleicht bei zukünftigen Auseinandersetzungen berücksichtigt werden.
Geändert von Vincent Kluwe-Yorck (20.04.2011 um 14:13 Uhr)
Diagnose: Gigantomechania extremensis . . . Symptomatik: Junior S ist zu wenig – eine ausgewachsene Senior XXL musses sein!
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