Mahlzeit.
Ich bin krank, hocke zuhause, habe eine neue-alte Gaggia Baby '77 von Pablo und es ist mir langweilig. Gefährliche Kombination...
Ich lese hier viel über Vorteile vom Einkreiser und PID und hau-mich-tot noch Technik, das reizt mein Spieltrieb natürlich enorm an, ich habe mir (und Pablo) aber versprochen, die alte Dame nicht anzurühren und mit moderner Technik nicht zu verunstalten. Wäre schlicht ein Stilbruch. Nichtsdestotrotz wollte ich herausfinden, wie die Maschine tickt, wie schlecht (oder gut) ist eigentlich das Temperaturverhalten der Maschine in Originalzustand und was man eigentlich verbessern (oder verschlimbessern) kann.
Ziel dieses Postings ist ein Paar Daten für die Zukunftbastler und Reglungsspieler zu sammeln und über einige Beobachtungen zu berichten.
Vorerst muss ich sagen, dass ich von der Konstruktion der kleinen Gaggia voll begeistert bin. Sie ist eigensicher, der Heizkreisthermostat hat integrierte doppelte Sicherheit, sehr kompakt gelöster Aufbau, trotzdem ein Expansionsventil und ein Magnetventil sind drin.
Der Kessel hat die Heizelemente in die Außenwände integriert. Die Temperatur wird mit zwei Thermostaten geregelt: einer sorgt für Dampf, der andere für die Brühtemperatur. Die Thermostaten sind in den Außenmantel des Kessels eingebaut (neuere Modelle haben 2 Kapselthermostaten mit M4-Gewinde zum einschrauben, die alte Version hat Dampfthermostat als Kapsel und Brühthermostat als Kapillarthermostat).
Das bedeutet praktisch:
1) Es wird eigentlich die Kessel- und Brühgruppetemperatur geregelt. Es macht aber Sinn, da die thermische Kapazität von dem Kesselmantel samt Brühgruppe ist doppelt so hoch, wie die des sich im Kessel befindlichen Wassers und 3mal so hoch, wie die der Menge Wasser, die man für ein Doppio braucht. Das Wasser muss beim Bezug durch ein Kanal im an den Kessel angeflanschtem und gesättigtem Brühkopf fließen, wo es weitestgehend auf die Temperatur des Außenmantels gebracht wird, also die Temperatur des Metalls ist am Ende ausschlaggebend für die Brühtemperatur. Sie konstant zu halten macht also wirklich mehr Sinn.
2) Die thermische Verbindung zwischen Heizkörper, Kesselwand und Thermofühler ist unabhängig vom Wasserstand im Kessel gewährleistet. Das bedeutet, dass die Heizung der Gaggia nicht kaputt gehen kann, wenn mal das Wasser ausgeht (was nicht heißt, das man das sofort in Langzeitversuch ausprobieren soll). Die Thermostate sind in normalem Betrieb immer in Reihe geschaltet, egal welcher aufmacht wird die Heizung vom Netz getrennt. Also selbst, wenn der Brühwasserthermostat kaputt gehen soll (also die Heizung auf Dauer einschalten), macht spätestens der Dampfthermostat bei 145°C auf. Die Maschine läuft dann zwar zu heiß, aber sie brennt nicht ab. Somit hat man die sgn. doppelte Sicherheit - es müssen gleichzeitig ZWEI Komponenten defekt sein, damit es eine gefährliche Situation entsteht. (Zumindest in dem Betriebszustand, in dem sich die Maschine am meisten unbewacht befindet - Eingeschaltet auf Kaffeetemperatur. Beim Dampfbezug ist dies nicht mehr gegeben, da steht man aber an der Maschine).
Übrigens: Die doppelte Sicherheit fehlt sogar in den meisten 1000€ Zweikreiser, wenn da der Pressostat schlapp macht, kocht der Kessel bis der Sicherheitsventil aufmacht und den Inhalt des Kessels in das Innere der Maschine ablädt. Dann löst ggf. die Niveau-Sonde aus, wenn die Steuerbox noch tut. Da hätte eine 160°C Kapsel für 3€ oben am Kessel auch geholfen.
Zur Sache
Meine Beobachtungen:
- Die Maschine heizt mit ca. 1500W
- Die erste Aufheizphase (von Zimmertemperatur bis die Heizung zum ersten Mal ausgeht) dauert ca. 75s.
- Danach kommt 1:10 Pause, dann 12s heizen, danach pendelt sich die Temperatur ein.
- In eingeschwungenem Zustand heizt die Maschine 11s jede 350s (im Schnitt).
Wer denkt, dass ich ne Stunde mit einer Stoppuhr an der Maschine gestanden bin, darf nochmal raten. Ich war faul, so wie gelangweilt, habe einfach einen Audiorekorder (LS5) hingelegt und nachher die Klicks und Klacks des Thermostats ausgemessen.
Gestoppt habe ich allerdings die Aufheizzeit von Kaffeetemperatur auf Dampftemperatur: 38-40s.
Ich weiß, dass:
mein Zimmer hat 22°C.
der Kaffeethermostat soll bei 105°C schalten.
der Dampfthermostat soll bei 145°C schalten.
Daraus komme ich auf folgende Werte:
- thermische Kapazität des Kesselsystems samt Wasser, im Standby:ca. 1400 J/K -> für Abschätzung thermischen Zeitkonstanten
- die effektive Hysterese des Thermostats für Kaffeewasser: 10..12°C (+/-5..6°C)
- Verlustleistung im Standby: ca. 50W im Schnitt
- Für's Temperatursurfen: Abkühlgeschwindigkeit der Brühgruppe ca. 2°C/min.
- für einen Doppiobezug ohne Temperaturverlust müsste die Heizung mit ca. 50% Nennleistung während des Bezugs zuheizen, für einen einfachen - mit 25%.
- wer einen elektronischen Regler einbaut und eine Temperaturstabilität von 1°C erwartet, darf keine Zykluszeit länger ca. 30s wählen. Dabei im Leerlauf wird die Heizung jede 30s für ca. 0.9s eingeschaltet um die Verluste zu decken -> bitte kein Relais, nur SSR.
- Im Standby lebt der Thermostat der Gaggia ca. 1 Jahr im Dauerbetrieb (100.000 Schaltzyklen bei Schaltperiode von 6 Minuten ergeben ca. 400 volle 24h Tage). In der Praxis wir der länger leben, da die Belastung unter Nennlast liegt, man soll's aber bedenken, gerade bei älteren Geräten.
--> hier: GaggiaTemperaturen.xls liegt eine Excel-Tabelle mit der ich mir die Sachen ausgerechnet habe. Die mathematischen Zusammenhänge sitzen in dem Excel-Blatt und sollten sonst nachvollziehbar sein.
Anmerkungen:
· die effektive Hysterese ist nicht die vom Hersteller spezifizierte Hysterese des Thermostats, das ist die effektive Hysterese, die auch durch Anbindung des Fühlers, Trägheit der Strecke usw. zustande kommt. Sie berechnet sich aus der thermischen Kapazität des Systems und der Heizenergie, die in einem Zyklus eingebracht wird (10..11s · 1500W / 1350 J/K = 11..12°C).
· die thermische Kapazität berechnet sich aus
- Aufheizphase Raumtemperatur - Kaffetemperatur (1475W · 75s / (105°C - 22°C) = 1335 J/K)
- Aufheizphase Kaffeetemperatur - Dampftemperatur (1440W · 38s / (145°C - 105°C) = 1370 J/K)
beide Werte sind "empfindlich" man soll sie nicht mehr als auf 2 bedeutende Stellen nehmen. Also 1400J/K
· Die Heizleistungen für die thermische Kapazität berechnen sich:
- erste Aufheizphase: hälfte der durchschnittlichen Verlustleistung bei Endtemperatur (Annahme linearer Temperaturanstieg).
- zweite Aufheizphase: Magic. Rechnet selber nach ;-P
Bei Fragen stehe ich Antwort...
Gruß!
Marek


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