Gleich mal vorneweg: Das wird eine längere Geschichte. Also einen Lungo ziehen, zurücklehnen und gemütlich durchlesen
Es war einmal vor gut zehn Jahren in einem kleinen 2700 Seelen-Ort im oberösterreichischen Innviertel: Vom sonntäglichen Feigenkaffeegenuss bei Oma war klein Klaus, damals um die zwölf Jahre alt, auf den Geschmack gekommen: Der süße Kakao am Morgen musste durch etwas Stärkeres ersetzt werden. Da klein Klaus schon groß war trank er ab sofort Kaffee. Das Getränk wurde jeden Morgen von seinem Vater in der Kaffeemaschine gebraut. Nach elterlichem Vorbild wurde die schwarze Brühe mit Milch aufgehellt, Zucker war tabu. Warum? War halt schon immer so in der Familie. Nur zu Omas Feigenkaffee gab es Zucker.
Jahrelang änderte sich an diesem morgendlichen Ritual, das nach kurzer Zeit auch nach dem Mittagessen stattfinden sollte, nichts.
Es war mit etwa 17 Jahren, klein Klaus war also schon größer geworden, als er beim Elektriker im Ort ein Sonderangebot entdeckte: Eine Siebträger-Espressomaschine von Krups im Ausverkauf. Dunkelgrau stand sie da in der Auslage und die Verkäuferin führte die Maschine im Verkaufsraum ausführlich vor. Ein kleiner Schluck und das Glück zum schwarzen Gold war bestellt.
Nach zwei Wochen trug Klaus die Maschine dann überglücklich und um 120 Euro erleichtert nach Hause um den Espressofreuden frönen zu können. Doch es fehlte etwas zum Glück: Gemahlenen Espresso gab es im Ort nur selten zu kaufen und mit der elterlichen Schlagwerkmühle gemahlene Bohnen funktionierten nicht so richtig. Also fristete die Maschine nach einigen Wochen der Benutzung ein verstaubendes Dasein neben der alten, klassischen Kaffeemaschine.
So gingen wieder etwa zwei Jahre ins Haus in denen Klaus sich mit dem gebräunten Filterkaffee abfand und sehr glücklich war. Dann kam eine kleine Wende im Form einer TV-Serie auf DVD mit dem Namen "Twin Peaks". Der Protagonist trank nur schwarzen Kaffee. Das musste Klaus probieren und war überzeugt: Milch trübt den Geschmack, nur pur kann Kaffee schmecken! Anfangs mit etwas verzogenem Gesicht ob der bitteren Brühe gewöhnte unser Protagonist sich schnell an den Geschmack und trank alsbald nichts anderes mehr.
Kurz darauf eine weitere Entdeckung: Eine Kleinrösterei namens Kaffee Bögl ihm benachbarten Bayern! Abhilfe für die vernachlässigte Espressomaschine war gefunden, ein Paket espressofein gemahlene Hausröstung war bestellt. Für längere Zeit gab es darauf hin neben dem gewohnten Filterkaffee sonntags immer Pseudo-Espresso aus der 100ml-Tasse. Wenn die anderen Familienmitglieder in der letzten Woche brav gewesen waren, bekamen sie auch hin und wieder eine Tasse.
So ging das weitere zwei Jahre dahin, dazu gesellte sich von einem Freund mit georgischer Frau angefixt ein Ibrik für den Mokka zwischendurch. Klaus war stets zufrieden und wähnte sich im siebten Kaffeehimmel. Was könnte es besseres geben?
Im November letzten Jahres nahm das Unheil dann seinen Lauf: Kaffee Bögl war online nicht mehr erreichbar und zur selben Zeit entdeckte Kläuschen, der schon immer ein Verfechter von wertigen, althergebrachten Dingen und Methoden war, bei Manufaktum eine Zassenhaus-Kaffeemühle.
Als diese ankam wurde eine Packung Segafredo Intermezzo aus der Tiefkühltruhe reaktiviert. Diese war ein Jahr zuvor von Muttern eingefroren worden. Die ersten Ergebnisse: Uuuuääääähhhh, ungenießbar, diese Brühe.
Also galt es, gute Bohnen zu finden: Kaffeeröster aus Österreich fand klein Klaus nur einen: Coffee-Inn aus Salzburg. Die eilig und in höchster Vorfreude aufgegebene Bestellung kam jedoch nie an. Zwischenzeitlich wurde weiter mit dem Säger Fredo probiert und auch ein Päckchen EZA-Espresso sowie Lavazza-Bohnen gesellten sich dazu.
Eine Google-Suche führte Klaus ins Kaffee-Netz wo er sich erstmal darüber versicherte, dass a) die Sägespänebohnen übelster Qualität waren und b) seine Mühle durchaus geeignet war. Schnell bekam er von den hilfreichen Mitgliedern den Hinweis, doch frisch geröstete Bohnen bei Walter zu bestellen. Eine Woche später fiel Klaus fast aus den Latschen: Er hatte die erste Tasse Monsooned Malabar probiert und wusste: Es gab keinen Weg zurück zu Filterkaffee oder italienischen Holzarbeitern.
Doch so wirklich zufrieden war Klaus noch nicht: Er scheiterte am Mahlgrad und an der Maschine, die selbst mit den hinterlistigsten Tricks nicht die richtige Menge Espresso in 25 Sekunden zubereiten wollte. Von Crema wagte unser leidgeprüfter Kaffeefreund nicht einmal zu träumen.
Nach der eingereichten Scheidung von der Krups machte er sich also auf eine neue Partnerin zu suchen, die ihm bis dass der Tod sie scheiden würde guten Espresso bereiten würde. Die Balz war kurz, bei seinen tagelangen Leseausflügen ins Kaffeenetz hatte er sich schon insgeheim in eine Dame namens Silvia verliebt, die ihm für eine fruchtvolle (wenn auch kinderlose) Partnerschaft geeignet erschien.
Also kratzte Klaus sein Weihnachtsgeld zusammen und bestellte vorletzten Freitag seine reinrassige italienische Primadonna stilgerecht in Italien. Doch oh Schreck, die Bestellung wollte nicht wo wirklich klappen, die Kreditkarte machte Probleme. Ein Telefongespräch später war eine Abhilfe gefunden, die Maschine per Paypal bezahlt. Freitags oder Montags sollte die Braut per Express geliefert von Klaus über die Schwelle des neuen Zuhauses getragen werden.
Freitag und der darauf folgende Montag wurden zur Tortur für unseren Protagonisten: Er saß in seinem Arbeitszimmer am Fenster, bei jeder Näherung eines motorisierten Vehikels sprang er auf und lugte aus der Maueröffnung. Es wollte aber kein Paketdienst auftauchen und Klaus hegte insgeheim schon Hass gegen seine Nachbarn, die gefühlte zehnmal öfter als an normalen Tagen ihn mit ihren Autos von seinem Computersessel aufspringen ließen.
"Diese blöden Feiertage" dachte Klaus. Donnerstag Neujahr, Dienstag Heilige drei Könige, das sei doch eine Verschwörung, dass die Feiertage die Zustellung seiner Maschine verzögerten.
Und so sitzt Klaus nun vor seinem Rechner und tippt diese Zeilen ins Kaffee-Netz um sich die unerträglich gewordene Wartezeit auf den morgigen neuen Arbeitstag etwas zu verkürzen.
Wird er morgen seine ersehnte Herzensdame in die Arme schließen können? Wird morgen zeitgleich auch das LM1-er Sieb und der bodenlose Siebträger eintreffen? Wird Silvia Klaus die Treue halten und ihm allzeit guten Espresso und hin und wieder auch Cappuccino bereiten? Die Zeit wird es zeigen.


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