Liebes Kaffeenetz-Forum,
nachdem ich seit über einem Jahr hier mitlese und noch keinen einzigen Beitrag geschrieben habe, möchte ich dies nun nachholen. Es ist die Geschichte meiner Kaffee-Leidenschaft und der dazu gehörenden Erfahrungen.
Der anonyme Erstkontakt
Alles begann damit, dass ich vor über 5 Jahren mit einem Freund eine Diplomarbeit in einem chinesischen Werk eines deutschen Industriekonzerns geschrieben habe. Es gab dort fast nur Chinesen und ein paar internationale Angestellte. Wir arbeiteten Tag für Tag im zweiten Stock des Bürogebäudes, doch irgendwann verschlug es uns in den ersten Stock, weil wir mit dem IT-Chef eine Besprechung hatten. Der IT-Chef war ein Schwede zwischen 30 und 40 Jahren, und hinter seinem Schreibtisch stand ein seltsamer, verchromter Apparat in einem Käfig auf dem Sideboard. Der Apparat stellte sich später als ECM Mechanika II heraus. Natürlich wurde 10 Minuten über das Geschäft gesprochen und 50 Minuten über die ECM. Wir erfuhren von der ungeschriebenen Absprache im Unternehmen: Wer geschäftlich nach Deutschland reist, bringt auf dem Rückweg einige Kilo Espresso mit. „Aber keinen billigen Illy-Kaffee, der macht mir nur die Mühle kaputt.“
Der Schutz des europäischen Kulturguts
Natürlich fragte ich nach einiger Zeit, weshalb die Maschine in einem Käfig stehe. „Ganz einfach“, sagte der Schwede. „Wenn ich nach Hause gehe, wird sie abgeschlossen. Denn die Chinesen können das Gerät nicht bedienen. Die kennen nur rohe Gewalt im Umgang mit Maschinen. Überhaupt kein Feingefühl. Und Kaffee trinken sie auch nicht. Sie würden Teeblätter in den Siebträger füllen. Deshalb der Käfig.“ Man muss verteidigend hinzufügen, dass man nach einigen Wochen Alltag in China tatsächlich beginnt, so zu denken. Der Schwede war keine Ausnahme. So richtig verstanden habe ich die Begeisterung für die Maschine trotzdem nicht. Vom Zuschauen allein springt der Kaffeefunke nicht über. Man muss am eigenen Leib den Wunsch nach einem guten Espresso spüren, damit die Sucht geweckt ist.
Shareware als Einstiegsmodell
Zwei Jahre später fand die erste Espressomaschine in unseren Haushalt. Eine Freundin meiner Frau, selbst reine Teetrinkerin, hatte in ihrer Familie eine alte Maschine übrig und bot diese beiläufig zum Verschenken an. Ohne zu wissen, worum es sich überhaupt handelt, schlug meine Frau zu, und so kamen wir kostenlos in den Besitz einer Saeco Superautomatica. Ein beigefarbener Plastikkasten, der stark an einen amerikanischen Mixer aus den 70er Jahren erinnert. Beim Betrieb gibt es laut brummende und knarrende Geräusche, und am Ende ergießt sich eine gar nicht so übel schmeckende Masse in die hoffentlich vorgewärmte Tasse. Viele Kilogramm des sündhaft teuren Carroux Kaffee haben wir mit der Saeco verarbeitet, und doch war das Ergebnis nie so wie gewünscht. Für umsonst aber gar nicht so übel.
Das Upgrade in die erste Liga
Etwas Richtiges musste her. Milchschaum bereiten wir seit jeher mit einem Froth au Lait von Gastroback (eine geniale Maschine, wenn man mit wenig Aufwand genug Milchschaum für 4 Personen haben will, der auch nach 1 Stunde noch wie Bauschaum im Glase steht). Auf einen Zweikreiser konnten wir also verzichten, und wegen Platz und Kosten wollten wir es auch. Instinktiv kam nur die ECM Classika in Frage, und nach einigen Pseudo-Vergleichen mit anderen Maschinen, bei denen das Ergebnis eigentlich schon vorher feststand (man findet ja immer irgend etwas, wenn man sich sowieso schon entschieden hat), wurden eine ECM Classika, eine ECM Casa Mühle (ohne Dosierer) und etwas Zubehör (Abschlagkasten etc.) angeschafft.
Lehrjahre sind leider keine Herrenjahre
Es begann eine Odyssee der Verzweifelung. „Zum Üben“ begannen wir mit Tchibo-Espresso. Die 12,90 EUR hätten wir uns sparen können. Wir stiegen um auf „Der Pate“ von Lucaffe. Ich brauchte mehrere Tage für die Feststellung, dass der Mahlgrad der Mühle vorne und nicht an der Seite beim Knopf abgelesen wird (seitdem weiss ich, dass mein Mahlgrad 1,5 und nicht 7,5 ist). Die richtige Dosierung benötigte mehrere Monate, und unsere Mägen waren dem Magengeschwür nahe. Der Kaffee wollte und wollte einfach nicht schmecken. Irgendwann traf ich die wichtigste Entscheidung: Um aus meinen Fehlern wirklich lernen zu können, brauche ich einen offenen Siebträger. Damit haben wir es dann geschafft. Aus den Fehlern wurde gelernt, der Kaffee bekam Geschmack, und die Trefferquote begann sich zu stabilisieren.
Meine Tipps für die Nachwelt:
- Es geht nichts über einen offenen Siebträger. Ob man gerade durch den Kaffee hindurchzapft oder am Kaffee vorbei, lässt sich so am besten beurteilen. Das Tampern wird auch ohne Station kinderleicht, weil er eine ebene Unterkante hat.
- Im Kaffeenetz gab es vor einiger Zeit einen Thread, bei dem ein User einen Espresso im 4-Sekunden-Takt auf 6 Tassen verteilt hat, um den Geschmack über die Zeit hinweg zu vergleichen. Dieser Versuch ist Gold wert. Ich habe ihn selbst durchgeführt, und seitdem stelle ich meine Tasse immer erst nach 4 Sekunden unter den Siebträger. Die dunkle Masse der ersten 4 Sekunden schmeckt nämlich wie Altöl.
- Die richtige Espressomenge ist sehr entscheidend. Eine „falsche“ Menge lässt sich zwar durch Tamperdruck ausgleichen, das Ergebnis ist aber ein ganz anderes.
- Wenn man einmal eine gelungene Kombination aus Espressosorte, Mahlgrad, Menge, Tamperverhalten und Durchlaufzeit erreicht hat, sollte man dieses für einige Wochen einüben, bevor man sich zu neuen Ufern aufmacht. Es muss nicht nur eine Zeit des Säens geben, sondern auch eine Zeit der Ernte.
An dieser Stelle möchte ich allen im Forum herzlich danken, die durch ihre umfangreichen und durchdachten Beiträge, ihre Versuche mit den Zeitreihen, ihre mühsamen Stunden vor der zerlegten Maschine und ihren unermüdlichen Schreibeifer dazu beigetragen haben, dass auch ich meine Maschine ins Ausland mitnehmen und dort in einem Käfig schützen würde. Als Dankeschön ein kleines Foto aus meiner Küche.
Uli
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