
Zitat von
Jasper
(Es gibt nichts vergnüglicheres, als seine dunklen Seiten offen zu leben ...)
Schon vor Jahren gab mir ein Kenner den Tipp,
die besten Espressi gäbe es, beständigen Durchsatzes wegen,
der alle Metallteile mit Kaffeegeschmack korrodiert,
an italienischen Autobahnraststätten.
Also sind wir in meinem Alfasud,
einem genialen Auto von Murks und Panne, aber nur 800 kg schwer,
ganz Norditalien abgefahren auf der Suche nach dem besten Espresso, damals noch für 500 Lire das Tässchen,
ohne Benzin.
Zur Erfahrungsvermarktung ala Parkerschen Ranking (Mezzocorona: 100 points!) hat’s nicht gereicht,
aber eine Geschmacksschulung immerhin,
die ihre Fortsetzung in dem dann einsetzenden Boom an Maschinen und Automaten fand und
irgendwann hatte man sich über Hand und Hebel bis zum 2000 Euro-Gerät hochgearbeitet,
das bereits, gegenüber dem Straßenverkauf, nach sieben, acht Jahren würde sich amortisiert haben,
ohne Ersatzteile, klar,
und Strom extra.
Immer auf der Suche nach dem reinen Genuß,
isolierter Kennerschaft, dem espresso assoluto,
einem puro gusto,
einer Geschmackstrophäe,
der ultimativen Aromaexplosion und einem
immerwährendem Streben nach Excellenz,
das mit einem verfeinertem Gaumen auch eine chronisch verbrühte Zunge hervorgebracht hat,
gelangt man unter dem Sauerstoffmangel eines beständigen Aufenthalts in Aroma-Gipfelnähe entweder ins Delirium caffeniosum,
einer verengten Suchtexistenz, die unablässig über die Anschaffung allerneuester Brühtechnik sinniert
und pausenlos Fernreisen bucht, in den hintersten Dschungellichtungen noch unentdeckte wilde Kaffeesorten aufzuspüren,
oder aber man besinnt sich und steigt zurück ins Tal.
Jawohl, ins Tal.
So mir geschehen.
Brühe Kaffee praktisch nur noch in der caffettiera.
Bin das ganze Gehampel leid.
Vorwärmen, Mahlgrad, Pressdruck, Wasserdruck, Ansippen, Durchlaufstopp,
diese ganze Wissenschaft hängt mir zum Halse heraus.
Bei jedem Tässchen allerkleinste Aromen herauskitzeln zu müssen,
diese ganze bescheuerte Wahrnehmung, diese ganzen Geschmacksfatzkes,
diese Hypersensoriker, diese supraverfeinerten Aromasynästheten mit ihrem ganzen Nuancen nach ... Scheiß: sie können mir gestohlen bleiben.
Und mehr noch - dramatischer Abstieg! - ich bin jetzt sozusagen in der Gosse gelandet:
Aromatisiertes Getränkepulver mit löslichem Bohnenkaffee
Zutaten: Zucker, Glukosesirup, gehärtetes Pflanzenfett, 8% löslicher Bohnenkaffee, 8% Magermilchpulver, Süßmolkenpulver,
Säureregulator (E451, E340, E339, E331), Milcheiweiß, Aromen (mit Milchzucker), Emulgator (E471, E472e),
Trennmittel E551, Salz, Stickstoff. Mit feiner Crema.
Mehr Dreck kann ein Mensch nicht zu sich nehmen.
Aber: Ich habe einen Heidenspaß dabei!
Ich fühle mich wie befreit!
Die ganze Last des Espresso-Aficionados ist von mir abgefallen,
das ganze Sektierertum hat sich verflüchtigt wie das Aroma erkalteten Kaffees.
Ich bin wieder unschuldig geworden.
Und, um in Abwandlung mit Hölderlin zu sprechen:
Warum huldigst du, Meister, Blümchenkaffee,
kennst du Größeres nicht?
Wer das Höchste geschmeckt, liebt das Profane,
Alltag versteht, wer den Gipfel erblickt.
Und es neigen die Kenner
oft am Ende zu Aldi sich.
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