Auf zu Edeka!
Jede Sportart hat ihren Herminator,
jegliche Kultursparte ihre Herta Müller,
jeder Fliesenleger seine Championships.
Heroen und Heroinen überall.
Der inflationäre Bedarf an ‚World Champions’,
Signum einer grundsätzlich desorientierten Gesellschaft,
die statt Werten Treppchenstehern huldigt,
beehrt ja über Weltmeister im Kirschkernweitspucken, Rückwärtslaufen, Hamburgerverschlingen und Buchschnelllesen
seit längerem auch die Kaffeeliebhaberszene mit prächtigen Vorbildern.
Wobei das schöne alte, nunmehr obsolete Wörtchen ‚Vorbild’ längst abgelöst ist durch ‚mapping’ und ‚modeling’,
was soviel bedeutet wie: Körperlich-geistig abbildbares und nachahmendes Fremdpersönlichkeitsbetrachten zwecks Eigenentwicklung;
und bewegt sich damit auf der Reifestufe von Dreijährigen;
schließlich arbeitet man der Marktreichweite wegen so niedrigschwellig wie möglich.
(Und ist nicht das gefeierte Eifon in seiner kindlichen Daumendienbarkeit bestes Beispiel für retardierende technologische Entwicklung?)
Daher die Thesen:
1. Rückkehr zum einarmigen Banditen
Der Kaffeesport, nach der Marktdurchtränkung mit Vollautomaten,
zu diffizilen Handbedienern weiterschreitend,
die über Identification-Gesturing in den Handel gedrückt werden: Kaufen Sie die Maschine, mit der auch Reinhold Messner alle 8000er geschäumt hat!
2. Überwindung des Individualismus
Jegliches Ranking braucht Quantifizierung und damit das Einstampfen von Varietät zu Tütenkaffee.
Nespresso als Zwischenstufe, als industriedefiniertes massenfähiges Veredelungserzeugnis,
wird beim geschulten Massenklientel, das Dosenananas der Echtfrucht vorzieht,
Reaktionen erzielen wie jedes Modediktat,
dem anzugehören und Teilhabe daran wichtiger ist als Nutzen, Zweck und innewohnender Sinn.
3. Inhabitation sozial Ausgegrenzter
Den möchte ich sehen, der sich traut, hier im Forum zu rufen: Für gute Espressi gehe ich zu Edeka!
Prügel, verbale, wird er beziehen von den mentalen 5-fach-Kreisern und geistigen Doppelbrühern,
dabei hat der gute Edeka-Mann den 5. Platz belegt beim Tasting.
Ich weiß nicht, womit der gute Edeka-Mann brüht,
aber bei uns im Edeka-Markt steht eine WMF Bistro easy und
wenn er damit geübt hat: Respekt!
4. Pädagogisierung der Kaffeezubereitung
Jane Fonda hat es vor Jahrzehnten vorgemacht und alle,
von manufactum bis Nordic walking,
haben es nachgemacht:
Die Verprofessionalisierung des Selbstverständlichen und das von selbst Verständliche vereinnahmt und der privaten Nutzung entzogen:
Wer jetzt Seilspringen will, muss vorher ein Basic-Teaching in Powerjumping buchen und wer Kaffee mittels heißem Wasser aufzuschwemmen gedenkt, dem stehen künftig sämtliche Bildungseinrichtungen beratend zur Seite,
bereit den Kaffeetrinker zum Home-Barista zu zertifizieren, gemäß EU-Richtlinie 387G-UT-49 Abs. 43/5.
5. Verkünstlichung des Produktes
Latteart ist erst der Anfang. Bald werden sie dreidimensionale Gebilde auftürmen,
Bauschaumkonstruktionen a la Gehry und Kaffee aromatisieren mit Pfefferminz und Himbeere wie schon Bier,
was gegenpolig die Fundamentalbohnenminimalisten auf den Plan ruft: Back to the Kaffeekanne.
6. Einigeln
Neben der flachbrüstigen Sofalandschaft,
in der man nicht mehr sitzen, sondern nur noch fläzen kann,
ist Homebaristing deutlichster Ausdruck von cocooning: Hoffnung, sich vor Anfechtungen aller Art wenigstens in der eigenen Küche vor Verfolgungen durch Fahrpreiserhöhungen des lokalen Nahverkehrs,
Steuererklärungen, Weltnachrichten, Quartalszahlenerfüllungen,
ehelichen Verpflichtungen, Autoinspektionskosten und
seelischer Vereinsamung zu retten:
Durch eine gute Tasse Kaffee.
Wie in Matrix eins alles Illusion.
Haben aber noch nicht alle gemerkt.
Wer echte Vorbilder sucht,
dem kann ich meine eigenen nicht empfehlen.
Haben an mir alle versagt.
Mein Dosenpulvereigenversuch aber hat einen gewissen Snobismus erhärtet: Wie Epikur und das Ungeheuer von Loch Ness folge ich dem Motto:
Dasein, aber sich nicht zeigen.
Auf Kaffee bezogen heißt das: Still genießen.
Wohl bekomms!
J.


LinkBack URL
About LinkBacks
Zitieren

Lesezeichen