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Man bekommt keine kuhwarme Milch mehr.
Die Mutter noch hat uns zum Milch holen geschickt,
damals gab’s noch Millikandl und keine Kühlcontainer,
und bis wir daheim waren,
war die Kanne halbleer,
weil wir uns unterwegs an dem lauwarmen Labsal sattgetrunken hatten.
Heutzutage wird Milch,
der Hygiene wegen,
kaum dem Euter maschinell entnommen,
sofort heruntergekühlt auf 4 Grad,
dass selbst den Kälbern die Milch im Eimer
erst mit dem Tauchsieder wiedererwärmt werden muß.
Nicht mal die Kinder vom Bauern wissen,
wie kuhwarme Milch schmeckt.
Niemand weiß, wie Kuhmilch eigentlich schmeckt.
Sogar die Jungbäuerin,
verrät mir die Altbäuerin,
weiß schon nicht mehr,
wie man von Hand melkt.
Die stöpselt halt die Zitzenbecher an und fertig.
Aber vor Wochen haben sie 5000 Liter weggekippt.
Aus Protest.
Es ist erstaunlich,
wie wenig über Milch,
integraler Bestandteil der meisten Kaffeegetränke,
beraten, beratschlagt, diskutiert und anempfohlen wird.
Wahrscheinlich greift man sich im Supermarkt
irgendeinen Tetrapak,
achtet vielleicht noch auf den Fettgehalt,
aber das war’s dann schon.
‚An Milch interessiert mich der Milchschaum, sonst nichts,’
sagt mir ein Kollege.
Er plädiert für H-Milch,
die würde am besten schäumen.
Tatsächlich gelingt der Milchschaum mit homogenisierter Milch
weit besser als mit Rohmilch,
und für das bisserl Cappuccinohäubchen ist die Milchwahl wahrscheinlich nachrangig.
Aber es gibt Unterschiede.
Drastische Unterschiede, finde ich,
weit augenfälliger und weitreichender den Geschmack beeinflussend,
als der Wechsel von guten Bohnen A zu guten Bohnen B.
Am greislichsten ist zweifellos H-Milch mit 1,5 % Fettgehalt.
Bevor ich so was trinke, trinke ich nur Espresso.
Ein Freund von mir hat mal in einer Molkerei gearbeitet.
Wenn da mal H-Milch war,
mit abgelaufenem Datum,
die hat man mit frischer vermischt,
gemeinsam erhitzt
und neu, mit neuem Datum versehen,
in den Handel gebracht.
Merkt kein Schwein
und der Milch schadet’s nicht.
Diese ‚Milch’ sei tot, sagte er,
das sei gefärbtes Wasser.
Weidevieh oder Stallhaltung.
Das schmeckt man.
Das Futter, Grünfutter, Kraftfutter, Leistungsfutter,
Fisch-, Tiermehl, Melasse, Trester ...,
wer weiß was sie alles verfüttern,
das schmeckt man.
Sommer, Winter, Hochweide, Almvieh,
das schmeckt man.
Die beste Milch habe ich auf der Soinalm getrunken,
unterhalb der Rotwand.
Noch besser war die Buttermilch.
Überhaupt ist Almmilch eine Klasse für sich.
Da oben bekäme ich noch lauwarme Rohmilch.
Aber wie bekomme ich den Kaffee dort hin?
Sind Gäste da, hole ich einen Quader Supermarktmilch,
vorzugsweise ‚Berchtesgadener Land’
und beeindrucke mit Schaum.
Privat trinke ich die Milch vom einzig verbliebenen Milchbauern.
Stallhaltung nur, sommers wie winters,
und mir tun die Tiere leid,
es ist bequem, freilich, kein rein und raus.
aber es ist obszön.
Ein Leben ohne Sonne und nie frisches Gras.
Es ist unmöglich, moralisch zu leben.
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll.
Alles ist verkehrt.
Tütenmilch, Bauernrohmilch, gezuckerte Milch aus der Tube:
Es schwindelt einem, wohin man schaut.
Nirgendwo darf man genauer hinsehen.
Es ist ein Graus.


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