Der Referenzespresso ist ein Normespresso: total, ja totalitär?
Man staunt,
mit welcher Bereitwilligkeit der viral ungeborgene und virtuell komplett desorientierte Bürgersinn,
an stupiden ‚guidelines’ entlanghangelnd wie an Seilbrücken im Alpinpark,
in steter Hoffnung, er werde irgendwo hingeführt, gleich wohin,
worin es behaglicher sei, als in diesem desolaten Jetzt,
in seiner Verängstigung sein Empfinden unprotestiert jeglicher Schändlichkeit unterordnet,
einfach wohl, weil er sein Leben schon lange nicht mehr überblickt.
Der geheime Reiz der Espressozubereitung ist genau dies:
Die Vollumgegenständlichkeit der Gerätschaften und Arbeitsmittel noch in eigener Verfügungsgewalt zu behalten,
alle Parameter und alle Konditionen eigener Kontrolle unterwerfen zu können und
für das Resultat nicht nur eigenverantwortlich zu sein,
sondern überhaupt so etwas wie ein ‚Werk’ noch zeichnen zu können,
was in der fragmentierten Berufswelt,
die aus Männern händchenklickende Bildschirmhingucker gemacht hat:
ein Refugium ohnegleichen.
Nicht ohne Stolz präsentiert man daher seine Kaffee-Küchenecke,
ist sie doch Produktionsstätte von Qualität und Anspruch und (noch) ohne Quartalszahlen-Diktat.
Kurzum: Man(n) ist Herr eigenster Dinge.
Und doch genügt das nicht.
Allzu verloren,
ja isoliert vor der Maschine und allem Zweifel,
aller Ohnmacht ausgesetzt,
all dem dumpfen Streben nach Gut, Besser, Weiter, Mehr,
das einen in Kürze einholt.
So besorgt man sich:
Welchen Taug hat das Gebräu, das ich da fabriziere?
Ist das ein richtiger Espresso?
Ist das die richtige Maschine?
Wie eigentlich schmeckt richtiger Espresso?
Schon ist man im Vergleich,
schon ist alle Autonomie verloren,
schon begibt man sich in den Rachen der Fremdmeinung und verlangt nach Referenz.
Nach dem ultimativen Maßstab,
nach rechten Produktionsbedingungen und rechten Rohstoffen.
Richtig soll alles sein.
Denn man ist in der Nachahmung. (Mapping)
Aber erstaunt dieser Wunsch nach Referenz und Relevanz wirklich?
Nun, die Leute lieben Standards.
Und ihr Standard ist das Vertraute.
Coca Cola und McDonalds schmecken tröstlicherweise in Akureyri genauso wie in Puttaparthi.
Stereotypen des Kulturbesitzes mindern den Schock des Befremdenden und bewahren Identität.
Die Italiener haben sogar ein Institut gegründet,
ein Konsortium der Espresso-Bewahrung und
natürlich den Norm-Espresso definiert und damit,
wie Atommüll,
für Jahrtausende Geschmackssicherheit festgelegt
und wehe, den Islamisten fällt ein,
die ehrwürdige Altherrenriege zu unterwandern und
Espresso mittelfristig gesehen in Mokka umzudefinieren und
kurzfristig den angemessenen Brühdruck falsch anzugeben.
Daher: Espresso in Stein meißeln.
(Was nebenbei bemerkt die viel bessere Strategie ist: Statt in Terror, sollten die Islamisten in Bildung investieren und ihre Leute dann in den Gremien, in Kunst und Kultur positionieren. Eine Generation, länger hält das westliche Denken nicht stand.)
Die Phantasie und das Private, es geht zuschanden.
Globale Großratio überwältigt und dezimiert das letzte Privativum,
den eigenen Geschmack.
Das Phantastische, außer es ist Hollywood-Kalkül unterworfen,
wird von zwei Seiten aufgerieben werden:
Von den digitalen Schutzüberwachungssteuerungsideologen und von Seiten der Ökologie.
1. In Bälde wird es distanzgesteuerte Brühautomaten geben mit USB-Anschluß. Diese stöpselt man online an den zentralen Institutsserver, welcher den Maschinentyp identifiziert, mit dem Geräte- und Anforderungsprofil für perfekten Espresso abgleicht und die Maschine entsprechend ansteuert. Macht Windows ja auch mit jeder meiner Kameras und jedem meiner Drucker. Gleich wo ich mich mit welcher meiner Espressomaschinen befinde, immer habe ich Zugang zu perfektem Espresso und damit den Gipfel der Reproduzität erklommen. Kalte Brühsuppe wird es nicht mehr geben.
2. In naher Zukunft werden Haushalte CO2 budgetiert werden. Jedem Haushalt sein Kontingent. Der Haushaltsvorstand kann dann überlegen, ob er sich einen Cappuccino zieht, oder sich die CO2-Punkte für den Pari-Boy aufspart, falls Junior herbstlicher Atembeschwerden wegen Inhalationen braucht. Das Budget verfällt jeweils am Monatsende, daher steigen am 30./31. die Kaffee- und Espressoorgien, die Toasterrunden und die Raclette-Heizerfeste.
3. Der Mensch, allen dörflichen Bezügen entrissen, allem Erdigen (Bauer sucht Frau) abhold, allem Wertgefüge und eigeninduziertem Handeln entwöhnt: Der Mensch, vom Proll bis zum hochschulreformierten Akademiker, er ändert sich in einer Rasanz die einem schwindelt. Getriebene und Gleichgültige, die schlucken, was man extra für sie hat vorkauen lassen.
Es gibt sie nicht mehr:
Die Phantasten, die Spinner, die Generalisten,
die Spieler, die Querdenker, die Launigen,
die Subversiven, die Naturalisten, Boheme,
Kopflose, Epikuräer, Freidenker, Lautenspieler,
Autonome, Pietisten, Landstreicher, Walzer,
Rosenkreuzer, Knechte, Habenichtse, Aushäusler,
Lebenskünstler, Erfinder, Überlebenskünstler, Lyriker,
Brotlose, Schafhirten, Kinderseelige und
Taugenichtse.
Es gibt nur noch Karrieristen, Funktionierende und Hartzer. Und Islamisten.
Espresso braucht die Freiheit, zu verkochen.
Espresso muß scheitern können.
Espresso darf Abwege gehen.
Espresso darf genau so sein, wie er Dir schmeckt.
Espresso ist ein Konstrukt.
Wer Espresso will, darf ihn sich bauen.
Zumindest hier gilt: Anything goes.
(Ich persönlich glaube: Die Frage nach dem Referenzespresso, wie die 7g-Doktrin u.ä., sind Zwischenschritte; man reift und wächst darüber hinaus.)


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