Puh, wie komm´ich aus der Nummer wieder `raus. Bitte: Ich will nicht überheblich klingen.
Die Weine der genannten Verkäufer richten sich an erfahrene Weintrinker. Das hätte ich vielleicht eingangs sagen sollen. Aber, und das müsst ihr mir einfach glauben, dieser Wein ist unter Weinkennern ein ausgezeichneter Basiswein von einem absoluten Spitzenwinzer.
Um die einzelnen "Zutaten" herauszuschmecken, braucht es jedoch einige Jahre Erfahrung mit guten Weinen. Das hat bei mir auch länger gedauert. Eine gute Flasche Wein zu trinken, ist genauso schwierig, wie einen guten Espresso herzustellen. Mit dem Wein funktioniert das so:
Zunächst muss ich wissen, wie der Jahrgang des Weines steht. Die Jahre 2005 - 2007 waren in Südfrankreich ganz herausragend gute Jahrgänge. Der Jahrgang 2006 dieses Weines steht auf seinem Höhepunkt, jedoch noch kurz davor und nicht schon kurz danach. Ein Wein, der "Adstrin-genz" (Tannine der Beeren) hat, kann seinen Höhepunkt noch nicht überschritten haben, da die Tannine im Lauf der Jahre abgebaut und nicht aufgebaut werden. Tannine sind erwünscht, genauso wie Säure. Diese Zutaten machen den Wein erst zum guten (komplexen) Wein, da allein Süsse (in welchem Umfang auch immer) einen Wein fade macht. Wie lange der Wein bis zum Höhepunkt braucht, erfahre ich zum einen durch Angaben des Verkäufers und dadurch, dass ich mehrere Flaschen kaufe und immer wieder probiere.
Beim Trinken dieses Weines (trinke momentan fast nur diesen - er schmeckt hervorragend!) gehe ich nun so vor (alles eigene Erfahrungs-werte):
Nach der Lieferung bleibt er mindestens 1 Woche liegend im kühlen Keller.
Dann hole ich mir abends eine Flasche Wein hoch und lasse mir Zeit. Nach der Öffnung giesse ich mir ca. 150 ml in ein grosses Bordeaux-Glas. Der Wein ist frisch und muss atmen. Nach einer Weile probiere ich von dem Wein und schaue wie er schon steht. (Es ist wie beim Temperatur-Surfen mit der Silvia.) Der Wein in diesem Glas wird nicht den allerbesten Schluck hergeben, der entsteht meistens erst nach 1-2 Stunden in der Flasche, wenn diese etwas mehr als halbvoll ist. Irgendwann jedoch ist eine "Charge" Wein (150 ml) dabei, die den absoluten Höhepunkt dieser Flasche bietet. Ist der Wein "sauer", ist er noch zu kalt. Doch irgendwann kommt aus jeder guten Flasche Wein ein Tropfen heraus, der einen nur schwärmen lässt.
Man muss diesen Wein auch nicht austrinken: Er schmeckt am zweiten Tag noch fast genausso gut, am dritten Tag muss man dann natürlich gewisse Abstriche machen, er ist aber noch gut trinkbar. Ganz wichtig jedoch: der Wein muss gekühlt aufgehoben werden. Ich habe im Haus eine kühle Ecke, wo ich die angebrochene und verschlossene Flasche bis zum nächsten oder (nicht so oft) übernächsten Tag aufbewahre. Ist eine solche nicht vorhanden, den Wein lieber in den Kühlschrank stellen als in der warmen Wohnung stehen lassen (so ähnlich wie bei gemahlenem Kaffee im Mühlendosierer). Die aufgebrochene Flasche trinke ich dann aber aus kleineren Gläsern, da er ja schon gut geatmet hat.
Tja, so ist das leider - ähnlich schwierig wie mit dem Espresso machen. Die Güte des Weins ist vergleichbar mit dem Machinen-Equipment, das Trinken mit dem Brühen des Kaffees.
Es gibt natürlich gefälligere Weine, die jedes Jahr gleich und auch sofort nach dem Öffnen schmecken. Aber mit diesen verpasst man das Beste am Wein. Guter Wein lebt. Ich habe mir einmal 6 Flaschen 2001er Grünen Veltliner Smaragd von Knoll aus der Wachau gekauft und war bei den ersten fünf Flaschen riesig enttäuscht. Die letzte Flasche habe ich (widerwillig, aber man lässt ja dann doch nicht umkommen) dann im Herbst 2008 getrunken und es war der komplexeste und beste Weisswein, den ich je getrunken hatte. Da beisst man sich dann in den Hintern oder freut sich über die eine Flasche.
Gruss Günther


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