Hallo,
New York City gilt als schwieriges Pflaster, was Espresso angeht. Allerdings erschient kurz vor einem NYC-Kurzurlaub ein Thread in alt.coffee, der sich mit ebendiesem Thema auseinandersetzte. Also dachte ich, daß ich ein paar der dort genannten Empfehlungen ausprobieren könnte.
Der ultimative Espresso soll bei Gimme Coffee in Brooklyn gezapft werden. Der Laden selbst liegt unscheinbar in der Lorimer Street, ist eine längliche, minimalistisch eingerichtete Box und wird von hippen und semihippen bakelitbrillentragenden Apple-Laptop-Leuten besucht. Drin steht eine zweigruppige Mirage von Kees van der Westen und sie benutzen tatsächlich diese heißdiskutierten Siebträger mit herausgesägtem Boden. Als Espresso wird ausschließlich ein Triple-Ristretto (!) gereicht, d.h. 21gr. Kaffee in ca. 30ml Flüssigkeit in ca. 35sec. Der erste Eindruck ist tatsächlich herausragend, - weich, fast säurefrei, schwer, erdig, schokoladig und enorm körperreich bläst einem der erste Schluck fast um. Ich kenne das nur von süditaliensichen Ultra-Ristretti, die kaum den Tassenboden bedecken. Der Nachgeschmack hält allerdings kaum fünf Minuten an und fällt danach in ein dumpfes Nichts zusammen. Hm. Zwei Stunden später nochmal getestet, diesmal ist er nicht mehr so ganz auf dem Punkt wie vorher. Es sind vordergründig säuerliche Noten zu schmecken, wie manchmal bei mir zuhause, wenn ich versehentlich durch zu feines Mahlen einen Extremristretto zustandebringe. Allerdings immer noch sehr trinkbar, Nachgeschmack - siehe oben.
Also was war das? Laut alt.coffee einer der derzeitigen Walfahrtsorte der US-Espressopsychophateszene. Wäre der Laden in Deutschland würde das hier wohl nicht anders sein. Obwohl Espresso in dieser extremen Konzentration schon attraktiv sein kann, wird dadurch meiner Meinung nach Komplexität geopfert. Die Frage ist, ob ein komplexer Espressokaffee in einem Ultraristretto geschmacklich eingeebnet, oder wegen unkontrollierbarer Säurespitzen eher untrinkbar wird. Stimmt letzteres, dann haben die bei Gimme Coffee vielleicht ihre Bohnenmischung auf die Bedürnisse ihrer Interpretation von Espresso ausgerichtet und entsprechend Komplexität (also die Mischung von "hohen" und "tiefen" Noten) zugunsten von nur "tiefen" Noten optimiert. Was schade ist, denn ein guter Espresso lebt von solchen Geschmacks- und Aromaspielereien, die sich nach dem Trinken auf der Zunge fortsetzen.
Aber wer weiß, vielleicht bin ich ja auch unfähig, die Komplexität dieses Espressos zu erkennen
Alles in allem aber ein lohnender Ausflug. Wer demnächst nach New York fliegt und etwas Zeit hat, sollte den L-train raus nach Brooklyn nehmen und dort reinschauen.
Gimme Coffee
495 Lorimer street
U-Bahnstation Lorimer Street, dann noch ca. 10min zu Fuß.
Grüße
Horst


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