Sammlung alter Patente der Espressogeschichte: FAEMA

Diskutiere Sammlung alter Patente der Espressogeschichte: FAEMA im Restaurierungen und Raritäten Forum im Bereich Maschinen und Technik; Während man in der guten alten Zeit für Patentrecherchen noch die Reise zum Patentarchiv antreten und dort viel Staub schlucken musste, geht in...

  1. #1 Sansibar99, 13.09.2020
    Zuletzt bearbeitet: 13.09.2020
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    Während man in der guten alten Zeit für Patentrecherchen noch die Reise zum Patentarchiv antreten und dort viel Staub schlucken musste, geht in der heutigen digitalen Zeit vieles von zu Hause und online.

    Nun hat man zwar alle Informationsmöglichkeiten, ersäuft aber sehr leicht in der schieren Masse des Informationsangebots :eek:


    Deshalb möchte ich hier gerne ein paar Funde der letzten Jahre zusammentragen - und die jeweiligen Patentzeichnungen / -dokumente am besten auch den entsprechenden realen Maschinen bzw. Bildern zuordnen.

    Damit es halbwegs übersichtlich bleibt, sollten wir auch nicht alle Hersteller durcheinanderbringen, sondern diese getrennt voneinander beleuchten ;)

    Und bevor es los geht, möchte ich noch dem Baristorian @pootoogoo für seine Inspiration und seinen wunderbaren Blog danken: Ascenseur pour l’expresso
    Dort finden sich auch viele kleine und große Geschichten hinter den hier gezeigten Patenten.

    Ich verwende hier bevorzugt die deutschen oder österreichischen Patente - diese sind besser digitalisiert und leichter zugänglich, die italienischen Originale sind als Referenz meist angegeben, aber online für mich nicht einsehbar.


    Beginnen wir mit diesem Patent, in Italien 11.3.1949 angemeldet, von Ernesto Valente (Chef von FAEMA) und seinem Ingenieur Felice Arosio (der sich Ende der 50er mit seiner neuen Firma FEAR (La Peppina!) selbstständig machen sollte) :
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011150373/publication/AT174710B?q=pn=AT174710B
    [​IMG]

    Hier wird im Text als Ziel angegeben, dass man ein Kaffeegetränk ohne heißen Dampf erzeugen will. Anders als bei der von Valente hergestellten Gaggia-Gruppe soll hier keine Federkraft verwendet werden, sondern eine elektrische Pumpe:
    " Aufgabe der Erfindung ist es, in Expreßkaffemaschinen unter Vermeidung der Verwendung so von Dampf oder komprimierter Luft, das aus dem Heißwasserkessel kommende Wasser auf einen angemessenen, hohen und konstanten Druck Ρ zu bringen, welcher sodann individuell für jedes Kaffeezubereitungsaggregat, durch ein 55 einstellbares Ventil oder durch ein Drosselorgan, entsprechend dem spezifischen Widerstand r des jeweiligen Kaffeekuchens, herabgesetzt wird, so daß die Durchflußgeschwindigkeit des Heißwassers durch den Kuchen bzw. die Ausfluß- 6o geschwindigkeit des Extraktes in die Tasse, unabhängig von der Größe des Widerstandes r, immer gleich groß gehalten werden kann. Es wird dabei so vorgegangen, daß das aus dem Kessel kommende Heißwasser, welches an sich drucklos 65 sein kann (bei offenen Kesseln) oder aber einen geringen Druck besitzt, mit Hilfe eines Druckerzeugers, der entweder gemeinsam, oder je Aggregat einzeln vorgesehen ist, auf den besagten, hohen, konstanten Druck Ρ gebracht wird. "

    [​IMG]

    Mir ist keine konkrete Umsetzung bekannt.


    Im selben Jahr, am 9.8.1949 in Italien angemeldet: die erste Feder-Hebelgruppe in Konkurrenz zum Gaggia-Patent:
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011161107/publication/AT197741B?q=pn=AT197741B

    [​IMG]
    Angemeldet von Ernesto Valente, zeigt dieses Bild eine neue Brühgruppe für Espresso, mit der sich Valente von seinem Partner Achille Gaggia absetzen möchte: zwar liegen die Dichtungen hier noch im Zylinder, aber im Unterschied zur Gaggia-Gruppe wird der Kolben nicht über eine Zahnstange angehoben, sondern mittels eines Gelenkes exzentrisch geführt, der Hebel ist mittig angebracht.
    [​IMG]

    Diese Gruppe habe ich in real noch nirgendwo gesehen...


    Im Weiteren gibt es dann ein Patent, am 12.5.1950 in Italien angemeldet:
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011151055/publication/AT179040B?q=pn=AT179040B
    [​IMG]
    mit den Innovationen
    - eingeschraubte Laufbuchse
    - Dichtungen auf dem beweglichen Kolben
    - gesättigte Brühgruppe (Ringraum um Brühgruppe mit Dampfzone des Kessels verbunden)

    zweites Bild aus Schweizer Patentanmeldung:
    [​IMG]

    [​IMG]
    Diese Gruppe findet sich dann an den ersten eigenen Faema-Maschinen: Nettuno, Satturno, Mercurio, Marte (Venere hat eine abgewandelte Brühgruppe mit eingebautem Thermometer)

    Ich verlinke hier nun auch Bilder aus dem Faema-Thread von Jupe2.0 / @Jupe3.0 :
    [​IMG]

    [​IMG]
    Diese Gruppe wird nun mit der Zeit besser auskonstruiert, hier ein späteres Patent, zu dem mir die Daten der italienischen Anmeldung fehlen (21.11.1955 in Österreich, italienische Anmeldung unbekannt):
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/003664458/publication/AT188876B?q=pn=AT188876B
    [​IMG]

    [​IMG]

    Hier wird nun ein Temperaturmanagement an der Brühgruppe eingeführt, um ein Überhitzen zu verhindern.
    [​IMG]

    im Folgenden ein Bild meiner Faema Marte
    [​IMG]

    Und noch ein Patent zu dieser Brühgruppe, 18.11.1955 in Deutschland angemeldet (Datum in Italien unbekannt):
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/007572317/publication/DE1103535B?q=pn=DE1103535B
    [​IMG]

    Hier wird spezifisch das Prinzip der beiderseitigen Nockenscheibenprofile an der Handhebelführung definiert.
    [​IMG]


    Soweit als Einstieg erstmal die bislang gefunden Details zur "Marte"-Gruppe.
    Ich habe noch Details zu späteren "V"-Gruppe, zu Hydraulikgruppen, zur Veloxthermo und Faemina...

    Fortsetzung folgt.
     
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  2. #2 turriga, 13.09.2020
    Zuletzt bearbeitet: 13.09.2020
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    Schöne Idee, vielen Dank.
    Vielleicht noch ein Hinweis/Ergänzung zur Entwicklung der ersten Handhebelgruppe im Hause Gaggia: die ursprüngliche Idee stammt von dem renommierten Mühlenbauer A. Cremonese, der dies aber nicht mehr umsetzen konnte, seine Witwe diese dann an Achille Gaggia weiterverkauft hat und mit gewissen Modifikationen zum Gaggia- Patent angemeldet wurde [Quelle: Pootoogoo].
     
  3. #3 finsterling, 13.09.2020
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    Tolle Idee!
     
  4. #4 Sansibar99, 13.09.2020
    Zuletzt bearbeitet: 13.09.2020
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    Und weiter geht es...
    Historisch betrachtet haben wir es bei der Zubereitung mit fallenden Temperaturen zu tun:

    Vom "verbrannten" Cafe Express zum Crema Caffe der Federhebelgruppen sinkt die Brühtemperatur schon deutlich.
    Und im obigen Beitrag hat man schon erkennen können, dass FAEMA in Richtung weiterer Temperaturstabilität bei hoher Bezugsfrequenz geforscht hat.

    Hier ein weiteres Patent vom 14.12.1954 (Italien) zur Anbindung der Brühgruppe an den Kessel und automatischer Frischwassernachführung:
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011161735/publication/AT198447B?q=pn=AT198447B
    [​IMG]

    Für mich sieht das nach einer Mischkonstruktion zwischen den bislang großen Dampfkesseln und dem Miniboiler einer Velox aus...
    [​IMG]


    Nun betritt ein neuer "Player" das Spielfeld: die "V"-Brühgruppe, weiterhin direkt an den Kessel angeflanscht.

    Ich habe bislang kein direktes Patent zu dieser Brühgruppe gefunden, aber dafür die Patentschrift zur zusätzlichen externen Brühgruppenkühlung mittels abgekühltem Kesselwasser (Italien, 25.05.1955):
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011161734/publication/AT198446B?q=pn=AT198446B
    und
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011433918/publication/DE1233993B?q=pn=DE1233993B

    [​IMG]

    [​IMG]

    Diese Konstruktion hat Jupe mehrmals ausführlich beschrieben und hier gut dokumentiert:
    [​IMG]
    [​IMG]

    [​IMG]


    Nun weitere Innovationen zum Bedienkomfort für den Barbetrieb:

    Wasserstandsautomatik mit Schwimmerschalter im Kessel (Italien 13.12.1954)
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011430394/publication/DE1076782B?q=pn=DE1076782B
    [​IMG]

    [​IMG]


    und Wasserstandsschauglas, dass sich bei Bruch selbst verschliessen soll (Italien 11.08.1958)
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011182847/publication/AT215093B?q=pn=AT215093B
    [​IMG]

    [​IMG]

    Nochmal Schauglas - diesesmal mit mechanischer Füllstandsautomatik (Österreich 05.10.1956)
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/003668860/publication/AT200278B?q=pn=AT200278B
    [​IMG]

    [​IMG]

    [​IMG]



    Fortsetzung folgt.
     
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  5. #5 Sansibar99, 13.09.2020
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    Und nun ein genialer Entwurf, seiner Zeit damals weit voraus: ein Dualboilerkonzept
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011185112/publication/AT216692B?q=pn=AT216692B
    [​IMG]

    "Selbstverständlich ist die Erfindung nicht auf das dargestellte Ausführungsbeispiel beschränkt. Vielmehr kann die Erfindung z. B. auch bei Kaffeemaschinen mit hydraulischen Hilfszylindern sowie mit elektromotorisch angetriebenen Ausgabekolben angewendet werden. Auch ist die Zahl der Ausgabehähne ohne jegliche Bedeutung für die Erfindung."

    Dieses Konzept wurde in der FAEMA TRR ("Tartaruga") als Pumpenmaschine
    [​IMG]
    [​IMG]
    , in der President als "L´autolivelloautotermica" (Handhebel- oder Hydraulikgruppen)
    [​IMG]
    [​IMG]
    sowie in Uranias (Handhebelgruppen)
    [​IMG]
    eingesetzt

    [​IMG]




    Und dann noch die ganz große Nummer - FAEMA entkoppelt die Brühgruppen vom Kessel und "erfindet" die Wasserzirkulation im Sinne des offenen Thermosyphon (Italien 27.06.1956):
    https://worldwide.espacenet.com/patent/search/family/011179042/publication/AT212513B?q=pn%3DAT212513
    [​IMG]

    http://up.picr.de/17560001ma.jpg

    [​IMG]
    Das entspricht nun dem Konzept, nachdem die 3. Generation der FAEMA-Handhebelbrühgruppen (Zodiaco / T1) arbeiten.

    Fortsetzung folgt.
     
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  6. #6 mechanist, 13.09.2020
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    Das ist jetzt etwas OT und soll den Fluss der Darstellung nicht stören. Es ist aber nicht so, dass Faema das Dualboiler-Prinzip erfunden hat, das gab es lange vorher schon, und auch mit dem gleichen Zweck, nämlich die Gruppen temperaturstabil zu halten. So existiert eine Celmex-Maschine für Cafe Express aus der Zeit vor 1945, die für jede Gruppe einen separaten Boiler hat plus nochmal einen Boiler für den Dampfbezug.
     
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  7. #7 Karl Raab, 14.09.2020
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    Das würde ja eigentlich heißen das Faema mit der Tartaruga schon vor der E61 eine Pumpenmaschine mit Dualboiler und gesättigter Brühgruppe erfunden hat. War dann die E61 als Zweikreiser dann nicht ein Rückschritt in Bezug auf die Temperaturstabilität und warum hat sich dann die E61 letztendlich durchgesetzt?
     
  8. #8 turriga, 14.09.2020
    Zuletzt bearbeitet: 14.09.2020
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    Eine Gaggia Classica hatte ja auch schon zwei Boiler.
    Nicht Alles, was technisch möglich und vielleicht auch vorteilhaft wäre, wird aus Kostendruck und Reparaturunfreundlichkeit auch umgesetzt. Alle, die sicher sehr rare Möglichkeit hatte, eine Tataruga mal zu testen, schwören wohl darauf (vielleicht ja auch aufgrund von Seltenheit und technischer Raffinesse etwas vorgerägt).
    Die Geschichte hat ja schlussendlich gezeigt, wie robust, dabei reparatur- und wartungsfreundlich eine E61 nun mal ist, sonst gäbe es nicht heute noch erfolgreich all deren Klone.
     
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  9. #9 mechanist, 14.09.2020
    Zuletzt bearbeitet: 14.09.2020
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    Dazu kommt dann vielleicht noch, dass es um einige Konstruktionen patentrechtliche Auseinandersetzungen gab, womit wir dann wieder beim Thema wären.
    Diese heute nachzuvollziehen, dürfte eher aussichtslos sein. Einige Konstruktionen konnten dann vermutlich erst nach einem Urteil oder einer Einigung in Form
    einer Lizenz auf den Markt gebracht werden. Ich weiss zum Beispiel, dass Cimbali 1958 ein Patent auf einen Wärmetauscher (HX) beantragt hatte, bei Cimbali selbst wurden
    HX aber erst einige Jahre später in der Pitagora verwendet.
     
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  10. #10 Jupe3.0, 14.09.2020
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    @Sansibar99 Super Idee, diesen Thread zu machen. Das übersteigt das Niveau von Maltonis Buch bei weitem.
     
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